Der kluge Verwalter

Eine Geschichte zu Lukas 16,1-8

Anton ist alt geworden. Alt und langsam. Er läuft durch die Straßen in seinem Ort. Er schlurft ein wenig mit den Füßen in den zerschlissenen, schweren Schuhen. Die Jacke hängt lose über seinen schmal gewordenen Schultern. Er hat kein Ziel, er läuft einfach durch die Straßen. Seine Arbeit? Die kann er nicht mehr tun. Der Dorfladen war sein Arbeitsplatz, damals. Am Tresen stand er, jeden Tag, von früh bis spät. Nur Dienstag nicht, da hatte er frei. Am Tresen stand er und wog Mehl und Nüsse. Zählte Äpfel in Beutel und wickelte Salat in Papier. Tippte Zahlen in die Kasse, die jedesmal mit einem leisen Pling! aufaprang, wenn abgerechnet wurde. Nahm Geld aus vielen Händen, Münzen, klein und klimpernd, ab und zu auch Scheine. Anton lächelte durch die Zahnlücke, die er schon immer zu haben schien. Egal, wer kam, Anton lächelte und fand ein gutes Wort für jeden, der noch Butter brauchte oder Salz oder die Zeitung. Anton kannte jeden, der hierher kam. Jede Frau, die Zucker kaufte um die Kirschen einzuwecken und jedes Kind, das drei Bonbons holen wollte vom Taschengeld oder im Sommer mal ein Eis.
Dem alten Meyer hatte er gehört, der Laden. Anton war angestellt und dienstags, da stand Meyer selbst am Tresen. Dienstags war nicht so viel los. Den alten Meyer störte das nicht, dann hatte er noch Zeit, das Lager zu prüfen, nebenbei. Und die Leute, wenn sie konnten, warteten auf Mittwoch mit dem Einkaufen. Auf Anton.
Doch als der alte Meyer starb, da kam ein Mann aus der Stadt, von einer Kette. Mit einer Aktentasche und Meyers Büchern unterm Arm stand er im Laden, eines Tages, als Anton gerade die Eier für Frau Koch eingepackt hatte. Und er sagte, der fremde Mann, sie wollten den Laden kaufen. Eine Filiale sollte er werden von der Supermarktkette in der Stadt. Nahkauf oder so sollte er jetzt heißen, ist ja auch egal. Ob er denn bleiben könne, wollte Anton wissen. „Ja schon“, sagte der Mann. Man werde das alles klären. Unterschreiben müsse er hier. Sein Gehalt bekäme er – ob er eine Kontonummer angeben könne? Das könnte er, doch dienstags, da habe er frei, das müsse sein. Und als sie alles geklärt hatten, ging der Mann zurück in die Stadt und immer dienstags schickten sie einen, der den Laden übernahm und in die Bücher und ins Lager schaute.

Lukas 16
Jesus sagte zu seinen Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.
2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
3 Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.
4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.
5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
6 Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.
7 Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
8 Und Jesus lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.

Immer montags, das wusste Anton, immer montags kam Irma in den Laden. Brot brauchte sie und Butter, etwas Käse und Eier vielleicht. Die Wurzeln zog sie selbst im Garten, Zwiebeln und Kartoffeln auch. Irma brauchte ja nicht viel, sie war allein, der Mann gestorben, lange schon, Kinder gab es nicht. Und auch kein Geld. Bezahlen konnte Irma selten. Montags kam sie immer, wenn Anton da war, dienstags nie. Ihr Brot legte er schon beiseite und ihre Butter, morgens gleich. Wenn sie kam, dann sah er sie kurz fragend an. Manchmal legte sie ein paar Münzen auf den Tresen. „Heut reicht es, Anton, heut zahle ich alles“ sagte sie dann und Anton zählte absichtlich falsch und legte die Waren in ihre ausgestreckten Hände, kaum größer als die von einem Kind. Und wenn sie nichts brachte, blieb sie still und trotzdem gab er ihr das Brot, ein kurzer Blick und ganz viel Dankbarkeit. Die Seite im Notizbuch, in der er aufschrieb, was sie schuldig war, reichte schon lange nicht mehr aus.
Und da war Hans, der Kleine von den Nachbarn. Gleich nebenan wohnte er und Taschengeld hatte er keins. Neidisch blickte er auf Elsa, mit den feinen Schuhen und den Spitzensöckchen, das Kleidchen immer rein und weiß, die frische Brötchen kaufte und für sich selbst auch immer noch eine Tafel Schokolade. Anton winkte dann den kleinen Hans zu sich und ließ ihn in das große Glas mit den Bonbons greifen. Oder legte Schokolade obendrauf, wenn er die Zeitung für den Großvater holte.
Und da war Gretel, mit den sechs Kindern, der der Mann weggelaufen war. Und die oft nicht wusste, was sie morgen in die Suppe schneiden sollte außer Wasser und Petersilie. Anton hatte Gretel gern und ihren Ältesten mit den wachen, klugen, Augen, die ernst und traurig in die Welt sahen. Manchmal nahm Anton einen Sack Kartoffeln mit am Abend. Die, die schon keimten und die keiner haben wollte. Oder die angedrückten Äpfel, die Orangen, die schon schrumpelten. Und legte sie vor Gretels Tür. Er klopfte nicht, denn er wusste, sie würde es nie nehmen. Doch wenn er später noch einmal vorbeikam, war der Sack immer weg und manchmal sah er Gretels dankbare Augen hinterm Vorhang, nur ganz kurz.

Es war ein Mittwoch. Gleich am Morgen merkte Anton, das etwas nicht so war wie sonst. Die Ladentür war schon offen, als er kam. Und hinter dem Tresen stand er wieder. Der Mann aus der Stadt. Mit dem Aktenkoffer und dem feinen Mantel. Anton schloss die Tür hinter sich und blieb stehen. „Herr Berger?“ – „Ja, was gibt’s?“ Der Mann legte das Notizbuch mit den Zahlen auf den Tisch. Darin, was Irma und manch anderer schuldig war. Und er klappte einen Aktenordner auf und blätterte darin.
„Die Zahlen, Herr Berger, die Zahlen stimmen nicht. Der Gewinn ist viel zu niedrig, unsere Waren viel zu billig. Das passt nicht zusammen, Herr Berger. Die Vorgaben waren andere. Herr Berger, so geht das nicht. Ich gebe ihnen sechs Wochen. Und dann will ich, dass der Laden läuft, sonst hat das Konsequenzen, Herr Berger.“
Anton nickte und schloss die Tür, als der Mann den Laden verließ. Doch als Irma nächsten Dienstag wieder kein Geld bringen konnte und als Gretels Kinder wieder hungrig blieben, konnte er nicht anders, als es wieder tun. Und als die sechs Wochen abgelaufen waren, nahm er das Notizbuch und strich Irmas Schulden, sodass nur noch die Hälfte blieb. Und die von allen anderen auch. Die neuen Zahlen zeigte er ihnen. Irma, Gretel, Hans. Und dann kam er wieder, der Mann und er warf Anton raus.

Und jetzt geht Anton durch die Straßen. Hebt die Füße kaum, die große Jacke über den schmal gewordenen Schultern. Und wenn er bei Gretel vorbeikommt, dann schickt sie ihre Jüngste raus. Die nimmt Anton bei der Hand und drinnen sitzt er mit am Tisch. Und isst mit ihnen von der Suppe, Fleisch und Brot bezahlt vom Ältesten der jetzt Arbeit hat in der Stadt.
Und wenn er Hans trifft, der den Großvater besucht, so oft er kann, dann sagt er: Warte, Anton, warte, und geht zum Laden und kauft für ihn die Zeitung und einen Beutel mit Lakritz, das Anton so liebt und drückt es ihm mit einem Lächeln in die Hand. Und damals, als die alte Irma starb, da fand man in ihrer Stube ein Etui mit ein paar Münzen und ihrem Testament. Anton sollte das Haus erben und das Grundstück und alles, was darin war, viel war es nicht, doch seines ist es nun. Und immer ist es voll mit Menschen und mit Wärme und mit Licht. Weil einer Kerzen bringt und ein anderer Kaffee, weil jemand Kuchen backt für Anton und ihn mit ihm isst.

Und Jesus lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.

 

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3 Antworten zu “Der kluge Verwalter

  1. eine wunderbare Geschichte in der viel Warheit steckt!

  2. Angelika Peböck-Spiegel

    Wie schön!

  3. SelmaMeta

    Das ist eine wirklich anrührende Geschichte. 100% passend zum Bibeltext, herzerwärmend schön und zu Tränen rührend. Danke!

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