Gut genug

Predigt zum Reformationstag 2017

1)

Jetzt kennen wir sie doch alle. Die Geschichte von Martin Luther. Dem Mönch, der nicht so wollte, wie er sollte. Der in seinem Studierzimmer saß und sich gequält hat. Die Bibel gewälzt. Und dann Dinge gesagt, die unerhört waren.

Wir kennen sie doch jetzt alle, oder nicht? Selbst die Sendung mit der Maus hat sie vorgestern erzählt, die Geschichte von dem Mönch und seinen Ideen. Seinen Thesen und seiner Familie. Dem Aufruhr und dem Umbruch. Dem Buchdruck und dem Cranachbild.

Jetzt kennen wir sie doch alle. Und das ist so auch gut und auch richtig. 500 Jahre und es ist viel passiert. Und wir haben ihm viel zu verdanken. Die Kirche. Die Gesellschaft. Das aufgeklärte Abendland.
Ganz ehrlich: Ein Teil von mir ist froh, wenn es das dann war mit Reformation und Luther und dem ganzen Tamtam. Fünf Jahre hat die Kirche ihn gefeiert und gelobt, heraufbeschworen und geehrt. In Ordnung. Aber jetzt ist es dann auch mal gut.

Und ich frage mich: Was bleibt? Ein Playmobilmännchen im Regal? Oder der Keksausstecher in Lutherform, der ab jetzt in der Schublade verrostet? Was er wohl sagen würde, wenn er das sähe? Sich selbst als Plastikfigur – oder als Plätzchen? Ich glaube, er wäre entsetzt. Über den Rummel um seine Person. Und über die Merchandise-Artikel, die groteske Formen angenommen haben. Was bleibt, Herr Luther? Was bleibt für mich? Für mein Herz und meine Seele, abseits von Feiern und Tamtam?

Herr Luther, was wollten Sie denn eigentlich?

2) 

Was wir alle wissen: Er hat die Kirche reformiert – dabei hat sie sich gespalten – schade eigentlich. Er war gegen Abzocke und Ablasshandel – gut, den armen Leuten Geld aus der Tasche ziehen, das geht ja gar nicht. Er hat die Bibel übersetzt – wichtig, endlich können alle, die lesen können, sie selber lesen. Und dann waren da noch die anderen Sachen. Die unschönen. Das mit den Bauernkriegen. Seine antisemitischen Äußerungen. Luther war ganz schön vielschichtig. Ihn als Held zu feiern – nein, das wäre wohl nicht richtig. Aber was ist denn der Kern? Was ist denn das, was bleibt und was wirkt?

Der Ablasshandel. Das war wohl das, was Luther anfangs am meisten gestört hat. „Bezahl nur Geld und dann wird Gott dir deine Höllenstrafen erlassen.“ Die Menschen damals hatten Angst. Angst vor der Hölle. In Ewigkeit schmoren, Schmerzen und Qualen erleiden. Diese Angst hat Luther beendet durch seine bahnbrechende Entdeckung: Du musst dir Gottes Gnade und Vergebung nicht verdienen – und schon gar nicht erkaufen.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Römerbrief, Kapitel 3.

Der Glaube macht dich gerecht. Der Glaube bringt dich in den Himmel. Was Gott tut, nicht was du tust oder bezahlst, bewahrt dich vor dem Höllenfeuer, sagt Luther. Und der Sturm bricht los.

Darüber können wir doch eigentlich nur milde lächeln. Wir Menschen von heute. Hölle und Feuer? So ein Quatsch. „Die Kirche hat die Hölle nur erfunden, um den Menschen Angst zu machen.“ So sagt es einer unsere Konfirmanden. Um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. So etwas glauben wir nicht, wir aufgeklärten, modernen Menschen.

Und überhaupt, das mit dem Glauben und mit Gott, ist das nicht alles nur ein Gleichnis, was für Kinder zum Trösten vielleicht? Engel, ja, die sind ganz toll, aber Gott und Glauben und die Hölle? Jesus, der war ein guter Mensch, jawohl, und die Geschichten über ihn und die Auferstehung, das sind doch alles Gleichnisse, oder sollen wir etwa wirklich glauben, dass er Gottes Sohn war? Müssen wir „Gerecht werden“, um vor Gott zu bestehen? Ein Gott, der uns und unser Leben beurteilt – ist das denn nicht Schnee von gestern?

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Luther liest im Römerbrief. Und er ist tief bewegt von der Frage nach der Gerechtigkeit. Der Frage danach, was einen Menschen gut macht. Was ihn bestehen lässt. Vor anderen. Und, letztendlich: Vor Gott. Nicht zu bestehen: Das wäre die Hölle. Der Teufel, der in der Studierstube an der Wand sitzt und ihm zuflüsterst: Du kannst es nicht. Du schaffst es nicht. Du bist nicht gut genug.

Vielleicht haben die meisten von uns das Problem nicht, das Luther hatte. Die Angst vor der Hölle und dem Teufel. Das ist doch alles mittelalterlich und überholt, oder? Die Hölle gibt es nicht.

Doch mir klingt in den Ohren ein Satz, den der Theologe und Schriftsteller C.S. Lewis einmal schrieb. Ein Dämon in seinen Anweisungen an einen Unterteufel: „Wenn die Menschen denken, dass es dich nicht gibt, das ist das Beste, was dir passieren kann.“

Wenn die Menschen denken, dass es Gott nicht gibt, der ein Urteil über und spricht. Und dass es die Hölle nicht gibt – die Möglichkeit, nicht zu bestehen, nicht gut genug zu sein – dann landen sie doch mittendrin.

Was heißt das denn: es gibt sie nicht, die Hölle? Wenn es sie nicht gibt, warum brauche ich denn dann den Himmel und den Glauben, den Gott? Nur zum Wohlfühlen und Engel an die Seite wünschen, zum Feste feiern und als Beschützer in der Not?

3)

Und ich wage zu behaupten: Es gibt sie, die Hölle. Den Ort, an dem Gott nicht ist. Den Ort, an dem das Licht des Lebens nicht ist. Den Ort, an dem kein Leben ist und keine Liebe. Ich glaube, es gibt sie, die Hölle. Ich glaube, es ist ein Ort der Hoffnungslosigkeit. Der ewigen Traurigkeit. Ein Ort der fern ist, weit weg von Gott und seiner Liebe.

Ich glaube, es gibt sie die Hölle. Die Hölle, das heißt, nicht gut genug zu sein. Leisten müssen. Immer und immer wieder. Von Anfang an. Die Hölle, das heißt: Du bist nicht gut genug. Für die anderen, mit denen ich doch gerne gespielt hätte, als Kind, im Fußballverein. Für den Vater, der so gerne stolz auf mich gewesen wäre. Die Hölle auf Erden, ist was Menschen einander antun. Weil sie sich beweisen müssen. Kinder in Damaskus, die verhungern. Menschen, die andere eiskalt quälen. Folter und Qualen. Es gibt sie, die Hölle. Orte, an denen Gott nicht ist. Krieg und Not und Gewalt. Terror und Hass, Ablehnung und Mobbing. Männer, die ihre Frauen schlagen oder ihre Kinder missbrauchen. Es gibt sie, die Hölle. Und es gibt Menschen, die gehen mitten hindurch. Und immer klingt darin der Wettkampf und die Konkurrenz: Ich. Ich bin gut. Und wenn sich das ins Extrem steigert dann arbeiten Menschen sich und ihre Existenz an anderen ab: Ich bin besser als du. Das Kind, das keine Liebe und Anerkennung von seinen Eltern bekommt und auch nicht von anderen. Das holt sie sich durch Leistung. Oder durch Blödsinn. Oder im Extremfall dadurch, dass es andere fertigmacht. Ich bin jemand. Ich bin etwas wert. Ich bin gut genug.

Und der Teufel sitzt an der Wand, in der Studierstube oder unter dem Bett und flüstert dir ins Ohr: Du kannst das nicht. Du schaffst es nicht. Du bist nicht gut genug. Du landest ewig in der Hölle.

Ich glaube, es gibt sie die Hölle. Bewertet zu werden, nach dem was wir leisten. Wie die DSDS-Jury, die da sitzt und dich anschaut, obwohl du gar nicht singen kannst. Und alle schauen zu. Das ist die Hölle.

Und in den Dimensionen Gottes, die über unsere Welt hinausgehen und mit denen wir uns oft so schwer tun, ich glaube, da gibt es sie auch. Himmel: Das heißt, bei Gott sein. In seinem Licht. In seiner Liebe. Hölle: Das heißt, von ihm getrennt sein. Dort, wo er nicht ist. Er, von dem alles Gute und Warme ausgeht.

Ich glaube, es gibt sie, die Hölle. Und ich glaube auch, dass es den Himmel gibt.

Die alte Kirche sprach vom Gericht, das auf uns wartet, wenn wir diese Welt verlassen. Mit Gott als dem Richter, der entscheidet, wo wir landen. Links oder rechts, hop oder top. Ich glaube, dass es das gibt, das Gericht. Ich male keine apokalyptischen Bilder und wie in einem Gerichtssaal sieht es dort auch nicht aus. Ich glaube, Gott gegenüberstehen, das bedeutet total im Licht stehen. Bedeutet, zu sehen, wie Gott sieht. Unverstellt. Die Seele jedes Menschen. Meine eigene Seele und die Qualen und Leiden, die wir einander zufügen. Und ich glaube, das kann die Hölle sein. Wie nackt dastehen vor einer festlich gekleideten Jury. Das kann die Hölle sein. Die Wahrheit. Zieh dich aus. Karten auf den Tisch. Du bist nicht gut genug.

Denn tief drinnen, da spüre ich das. Ich bin nicht gut genug. Nie reicht aus, was ich tue. Der offene und ehrliche Blick auf mein Herz, der kann nur erkennen: Ich bin nicht gut genug. Das ist die Hölle, oder?

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht. Aber ich brauche Gnade. Immer wieder. Wie das tägliche Brot. Das Gnadenbrot. Die Gnade und die Vergebung der Menschen um micht herum. Meines Mannes. Meiner Kinder. Weil es immer wieder nicht funktioniert. Ich immer wieder nicht funktioniere. Und hinter Erwartungen zurückbleibe.

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber ich brauche Gnade. Da ist dieser Teufel, der immer wieder flüstert: Du bist nicht gut genug. Gestern als ich diese Predigt schrieb, da saß er dort. Und wollte mir weismachen, ich hätte nichts zu sagen. Diese alte Botschaft. Dieser alte Luther. Dieser alte Bibeltext. Die hätten uns doch nichts zu sagen. Ich ringe und ich scheitere. Und ich brauche Gnade.

Und da kommt das alte Wort ganz nah. Mensch, du wirst nicht gerecht durch das was du tust. Du wirst nicht gut, durch das was du leistest. Denn das würde sowieso nie gut genug sein. Und solltest du mal nachlassen, bist du sofort raus. Das ist die Hölle. Fern von Gott.

Jesus ist da hingegangen. An diesen Ort, fern von Gott. Obwohl er der einzige war, der gut genug gewesen wäre. Für den die Daumen immer hochgegangen wären. Der es ausgehalten hätte in Gottes Licht. Er ist dort hingegangen. Für mich und für dich. Weil wir es nicht können. Weil wir nicht bestehen. In Gottes Licht. Er hat es getan. Und wir müssen nichts mehr tun. Können nichts mehr tun.

Mensch, du wirst nicht gerecht, durch das was du tust. Sondern durch Glauben an die Gnade.

Würde Luther sagen. Gnade. Du bist gut genug. Das darfst du glauben. Und mehr musst du nicht, als glauben. Denn du bist gut genug. Für Gott. Und damit für die anderen und für dich.

Ich glaube, es gibt sie, die Hölle. Und ich glaube, ohne Jesus wären wir jeden Tag mittendrin. In der Leistungsfalle. Und ohen Jesus würde sie auf uns warten. In dem Moment, in dem wir unverstellt sehen. Das Leben und die Herzen der Menschen und uns selbst.

Was Martin Luther damals bewegt hat, das war tief. Das ging auf den Grund unseres Lebens, ans Eingemachte. Im Laufe der Jahre hat sich so einiges darüber geschoben. Plastikfiguren und Keksausstecher zuletzt.

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht. Aber ich brauche die Gnade. Den Zuspruch: Du bist gut genug. Dringender als Jubiläumsfeiern und Lutherbonbons. Ich brauche die Gnade wie das tägliche Brot. Gnadenbrot. Das werden wir nachher miteinander essen. Das Gnaden-brot, das Abendmahl. Gott der zu uns sagt: Du bist gut genug. Du darfst in meinem Licht stehen. Davon lebe ich. Das hält mich am Leben. Jetzt und in der Ewigkeit.

Amen.

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