Die heilige Familie

 

1
„Schau mal Schatz, die Bilder sind gekommen!“ Sandra schließt die Tür hinter sich. Mit dem Päckchen in den Händen, das der Postbote gebracht hat, geht sie ins Wohnzimmer. Es ist Samstag, alle sitzen noch am Frühstückstisch. Thomas, ihr Mann lächelt sie an. „Schön!“ Ihre beiden Kinder springen auf und wollen ihr das Päckchen aus den Händen reißen. Sandra lacht. „Langsam! Jetzt wascht euch erstmal die Hände, dann schauen wir zusammen rein.“ Sandra legt das Päckchen auf dem Couchtisch ab. Unter neugierigen Blicken holt sie den Inhalt heraus. Es sind die Fotos ihres Familienshootings, das sie vor ein paar Wochen beim Fotografen gemacht haben. Tolle Bilder sind das. Sandra und Thomas, mit den Kindern. Die Kinder gemeinsam und einzeln. Mal strahlen alle, mal strecken die Kinder frech die Zunge raus. Leons Zahnlücke sieht toll aus und überhaupt: alle wirken total glücklich. Sandra guckt kritisch. „Hmm, ich sollte doch noch ein paar Kilo abnehmen…“ „Ach Schatz, das ist doch egal.“ beschwichtigt ihr Mann. Er fand die ganze Sache mit den Bildern ja ziemlich teuer. Aber seiner Frau zuliebe hat er mitgemacht. Und sie sind ja wirklich schön geworden. Sandra rahmt die Bilder ein und hängt sie auf. Im Flur, da wo man sie gleich sehen kann, wenn man ins Haus kommt. Darüber kommt die Leinwand mit dem Schriftzug, die sie neulich bei Ikea mitgenommen haben. „Family“ steht in großen Buchstaben darauf, verziert mit zwei großen Herzen in pink. Jeder der ins Haus kommt sieht sofort, was hier wichtig ist. Die Familie. Darüber geht nichts. Als alles hängt, betrachet Sandra zufrieden ihr Werk. Was sind sie doch für eine hübsche Familie. Und es fühlt sich an, als hätte das Leben einen Sinn.

2
Jesus ist seit einiger Zeit in Galilääa unterwegs und redet über Gott, wo er hinkommt. Seine Botschaft ist neu und radikal. Er kommt nicht überall gut an. Vielen der strenggläubigen Juden passt nicht, was Jesus sagt. Und schon gar nicht, was er tut. Er will bewusst provozieren. Und erklären, wie Gott sich so einige Gesetze und Gebote eigentlich gedacht hat. Hunderte folge Jesus. Wollen ihn hören. Und sehen. Oft kommt er nicht mal zum essen, weil ihn so viele Menschen belagern. Er vollbringt Wunder. Er macht viele Menschen gesund. Seine Familie findet das alles eher peinlich. Sie fragen sich: Ist Jesus verrückt geworden? Und sie versuchen, die Familienehre zu retten. Ihn nach Hause zu holen. Damit er aufhört, so einen Aufruhr zu verursachen. Aber Jesus will davon nichts wissen. Als er wieder mal in einem Haus voller Menschen predigt, stehen die Mutter und die Brüder von Jesus draußen. Mk 3:

Sie standen vor dem Haus und schickten jemand, um ihn herauszurufen.
32 Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!«
33 Jesus antwortete: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder?«
34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder!
35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!«

Familie – und das Leben hat einen Sinn!?

3
Viola, eine Frau Mitte 30, ist schwanger.
Viola steht in der Ecke ihres Schlafzimmers. Von einer Freundin hat sie den Tipp bekommen, sich einen Geburtsaltar einzurichten. Sie fühlt sich eng mit dem Baby verbunden, das in ihrem Bauch heranwächst. Lange hat sie sich ein Kind gewünscht. Endlich hat es geklappt. Etwas unsicher ist sie immer noch, obwohl jetzt schon der 7. Monat zu Ende geht. Ob ihr Körper das schafft? Ob die Geburt gelingt? Sie will unbedingt aus eigener Kraft gebären, zu Hause, ohne medizinische Eingriffe. Im Einklang mit sich und nur ihren Lieben um sich. Dann werden sie eine Familie sein. Endlich. Auf der kleinen Kommode hat sie eine Figur aufgestellt. Einen Engel, der einen Säugling trägt. Daneben zwei Postkarten mit ermutigenden Sprüchen. Eine Kerze. Ein Tuch in warmen Farben. Immer wenn sie Zweifel bekommt, geht sie hierhin, zu ihrem Geburtsaltar. Macht ruhige Musik an und zündet die Kerze an. „Du schaffst das“ flüstert sie sich selbst zu. „Du kannst das. Du bist stark. Für deine Familie. Das Wichtigste, das es gibt.“

Familie – und das Leben hat einen Sinn!

4
Als seine Familie vor der Tür steht, sagt Jesus: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ Er hätte auch sagen können: „Was wollen die da draußen von mir? Die sind mir nicht wichtig.“ Was würde wohl Sandra zu diesem Satz sagen, die gerade die Bilder von ihrer Familie aufgehängt hat? Und Viola, die vor ihrem Geburtsaltar steht?

5
Stefanie und ihre Brüder haben sich immer gut verstanden. Als Kinder haben sie miteinander gespielt und gestritten, wie alle Kinder. Aber als Jugendliche wurden sie richtige Freunde. Gingen auf die gleichen Partys und hatten die gleiche Clique. Als dann die Ausbildung kam, zogen sie jeder woanders hin. Aber sie haben immer Kontakt gehalten. Wöchentlich telefoniert, sich viel besucht. Geschwister haben eben ein besonderes Verhältnis zueinander. Inzwischen haben sie selbst alle Kinder und auch die verstehen sich richtig gut. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Aber seit ein paar Monaten ist alles anders. Der Vater ist gestorben, alt und lebenssatt, wie man so schön sagt. Aber über das Erbe werden sich Stefanie und ihre Brüder einfach nicht einig. Irgendwann ist einer zum Anwalt gegangen. Sie kommunizieren nur noch schriftlich. Wenn jetzt das Telefon klingelt, und sie erkennt die Nummer ihres Bruders, geht sie nicht dran. Mit denen will sie nicht reden. Mit denen ist sie fertig.
Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Familie – und das Leben hat einen Sinn?

Sandra macht den letzten Karton zu. Obendrauf liegt das Bild. Das Bild, auf dem sie alle vier so schön in die Kamera lächeln. Leon mit der Zahnlücke. Die Leinwand mit dem „Family“-Schriftzug hält sie noch in der Hand. Lange schaut sie darauf. Schließlich stopft sie sie in die Mülltonne. Vor einem halben Jahr ist Thomas ausgezogen. Jetzt ist klar: Sie kann das Haus nicht halten. Sie hat eine Wohnung für sich und die Kinder gemietet. Manchmal ist der Schmerz kaum auszuhalten. Was bleibt denn jetzt? Das war doch ihr ein und alles – die Familie. Ihr Lebenssinn. Dass ihr das passieren konnte! Sie waren doch so glücklich.

6
Wer sind meine Mutter und meine Brüder?« Fragt Jesus.
34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder!
35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!

Die Familie ist mein Lebensglück, mein Lebenssinn! Zu Hause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe! Für meine Kinder gehe ich bis ans Ende der Welt! Die Familie ist mein Ein und Alles! Wenn ich erst ein Baby habe, dann bin ich glücklich!

Familie ist so wunderbar. Zusammen sein. Gemeinschaft, nicht allein. Menschen, die ich und die mich lieben, egal, ob ich verschlafen im Pyjama an den Esstisch schlurfe oder ausgehfein zurechtgemacht bin. Die mich auch dann ertragen, wenn ich schlechte Laune habe und die ich ertrage. Die mich stützen und ein Zufluchtsort sind, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ein Baby, Kinder – was für ein Geschenk! Familie ist wunderbar.

Aber es gibt so viele Sandras, die vor den Trümmern ihres Traumes stehen. So viele Stefanies, die ihre Geschwister nicht mehr sehen wollen. So viele Violas, die einfach keine Kinder bekommen. Familie – mein ein und alles? Und wenn sie zerbricht? Und wenn der Traum nicht wahr wird? Und wenn das Kind, dass ich mir immer gewünscht habe, nie kommt? Und wenn irgendwann jeder merkt, dass er sich selbst der Nächste ist? Dass Menschen das nicht können: meine Träume erfüllen. Meinem Leben Sinn geben, der immer trägt und hält. Weil Sandra Fehler hat. Weil Stefanie uneinsichtig ist. Weil das Leben nicht dafür da ist, unsere Wünsche zu erfüllen. Und schon gar nicht andere Menschen.

7
Wer sind meine Mutter und meine Brüder?
Wer tut, was Gott will. Und ich denke an das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Das will Gott. Die Familie in Ehren halten. Wertschätzen. Mit Respekt behandeln. Dann kann es klappen, mit Gottes Hilfe. Weil Gott die Familie zusammenhält und nicht meine Familie mein Gott ist. Der ich Altäre baue. Deren Bilder ich anbete. Und die nicht leisten kann, was ich ihr zumute: Mich rundum glücklich zu machen.

Jesus sagt nicht: Familie – brauche ich nicht. Aber die Perspektive ist wichtig.
Familie ist, wer zu Gott gehört. Familie ist mehr als das, was wir meistens darunter verstehen. Mehr als Verwandschaft. Dazu möchte ich noch eine Begebenheit erzählen, die ich einmal erlebt habe.

8
Nach dem Abitur habe ich für ein Jahr in Schottland gelebt und in einer Kirchengemeinde gearbeitet. Ich bekam dort Besuch von zwei Freunden aus Deutschland. Sie reisten durch Großbritannien, und nachdem sie bei mir gewesen waren, wollten sie noch London besuchen. Dort hatten sie noch keine Unterkunft. Sie fragten mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte – es durfte nicht viel kosten. Ich wusste von einer Familie in der Gemeinde, die erst kürzlich von London nach Schottland gezogen war. Die fragte ich. Es gäbe da eine Dame in ihrer alten Londoner Gemeinde, sagten sie. Die habe ein Haus mit viel Platz darin. Dort nehme sie immer mal wieder jemanden auf. Ich telefonierte mit ihr, erzählte ihr von meinen Freunden. Die einzige Frage, die die Frau mir über meine Freunde stellte, war: „Are they believers?“ „Sind sie Christen?“ Als ich bejahte, sagte sie sofort zu. Die beiden reisten nach London und fanden bei ihr ein Dach über dem Kopf. Sie bekamen einen Schlüssel. Durften sich am Kühlschrank bedienen. Ein- und ausgehen, wann sie wollten. Geld wollte sie keines. Sie blieben vier Tage. Dann flogen sie wieder nach Hause.

9
„Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Und auf einmal ist die Familie riesengroß. Und über die ganze Welt verteilt. Schwestern und Brüder. Überall. Manche sind mir sympathisch. Mit Manchen ist es schwierig. Familie kann man sich nicht aussuchen. Wie in einer normalen Familie. Mit Gott in der Mitte. Der trägt und vereint. Der versöhnt und verbindet. Der allein glücklich macht.

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