St. Martin – oder: Wirklich Halbe-Halbe?

St. Martin, St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind, St. Martin ritt mit leichtem Mut, sein Mantel deckt ihn warm und gut.

St. Martin, ein Mann, der im 4. Jahrhundert gelebt hat, Soldat der kaiserlichen Garde. Der durch die Straßen von Amiens ritt, an einem Tag, an dem es nass und kalt war. Vielleicht so wie heute.

Im Schnee saß, im Schnee saß im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an. „O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittre Frost mein Tod.

Und St. Martin reitet nicht vorbei, an dem Mann, der da im Stadttor sitzt und ihn um Hilfe bittet. Er sieht ihn an. Viel hat Martin wohl selber nicht, vielleicht hätte er ihm auch einfach eine kleine Münze hinwerfen können. Aber was macht er stattdessen? Er steigt vom Pferd. Und dann…

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an, sein Ross stand still beim armen Mann, St. Martin mit dem Schwerte teilt den warmen Mantel unverweilt.

Dann gibt er, was er kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Martin nur einen Mantel hat. Einen wertvollen, warmen Mantel, den man dringend braucht als Soldat im Winter. Und was tut er? Er gibt nicht ein bisschen von dem was er hat. Er teilt was er hat. Und was bringen wir unseren Kindern bei: Teilen bedeutet: Halbe-Halbe.

Und dann sind da zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine auf dem Pferd und der andere auf dem Boden. Der eine gut versorgt, der andere elend und schwach. Und doch könnten sie nicht gleicher sein. Martin und der Bettler auf dem Boden umhüllt von zwei Teilen desselben Mantels. Martin teilt mit diesem Mann. Fifty-fifty. Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin, damals, in den Straßen von Amiens nicht angehalten hätte?

St. Martin, St. Martin, St. Martin galoppiert voran den Bettler sieht er gar nicht an. Ne Münze wirft er ihm noch nach, und reitet schnell zum warmen Dach.

Dann wäre der Bettler vielleicht nicht nur traurig und einsam und elend, dann wäre er vielleicht wütend und kriminell geworden. Er hätte sich genommen, was er so dringend braucht, weil niemand es ihm geben will. Weil er dabei ist zu verhungern und zu erfrieren. Weil er keine Arbeit hat und keine Zukunft und keine Hoffnung. Weil er sich von den Menschen und der Gesellschaft vernachlässigt fühlt und missachtet. Weil ihm ständig gezeigt wird: Du bist nichts wert in unseren Augen.

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin damals in den Straßen von Amiens nicht angehalten und seinen Mantel geteilt hätte? Dann würden wohl heute keine Kinder mit Laternen im November durch die Dörfer ziehen. Dann wären wir ärmer um einen schönen Brauch und hätten nur noch Kürbisfratzen und „Süßes oder Saures“ im Herbst. Eine Kultur des „Wie du mir so ich dir“ und „Wer nichts verdient soll auch nichts bekommen.“

Das mag und will ich mir nicht vorstellen. Doch die Frage geht noch weiter.

Was wäre eigentlich wenn…

… ich mich nicht nur jedes Jahr im November an die Geschichte vom Heiligen Martin erinnern Lieder singen, Laterne laufen und Würstchen essen würde?

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin nicht nur ein Anlass wäre, zusammen zu basteln und zu feiern, sondern wenn er und sein Handeln ein Vorbild wären, das wir nicht nur Kindergartenkindern als beispielhaft lehren. Sondern ein Vorbild für mich.

Der Heilige Martin, der nicht nur ein bisschen abgibt von dem, wovon er sowieso zu viel hat. Sondern der seinen wertvollen Besitz teilt mit dem, der so dringend etwas braucht. Fifty-fifty.

Wäre das wohl ein Vorbild?

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin legt sich müd‘ zur Ruh
da tritt im Traum der Herr dazu.
Er trägt des Mantels Stück als Kleid
sein Antlitz strahlet Lieblichkeit.

„Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ sagt Jesus.

Was wäre eigentlich wenn…

… der Heilige Martin nicht nur ein Anlass für einen schönen Brauch wäre, sondern mir ein echtes Vorbild. Teilen. Nicht nur etwas abgeben. Halbe-Halbe. Und ich überlege, wieviel ich wohl für Weihnachtsgeschenke ausgeben werde in diesem Jahr, um Menschen zu beschenken, die sowieso schon alles haben.

Was wäre eigentlich, wenn …

… diese Geschenke nur die Hälfte kosten würden. Und ich den Rest weitergeben würde. An jemanden, der es wirklich braucht.

Sankt Martin, Sankt Martin
Sankt Martin gab den halben still,
ob ich das auch versuchen will?

Gott, lehre mich weiterzugeben von dem Segen, den du mir anvertraust. Amen.

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