Wie schön du bist

Predigt in der St. Martini-Kirche Bovenden vom 30.08.2015

I Katrin

Als Katrin morgens aufwacht, will sie sich am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen. Wie soll sie diesen Tag nur durchstehen? Sie hat lange geschlafen. Trotzdem fühlt sie sich unendlich erschöpft. Arme und Beine sind schwer wie Blei. Aufstehen scheint unmöglich zu sein. Als sie es endlich geschafft hat, sich ins Bad zu schleppen, fällt ihr Blick in den Spiegel. Ein Gesicht sieht sie vor sich. Ein Gesicht, das nicht zu ihr zu gehören scheint. Dahinter steht ein Leben, das sie so nie leben wollte. So viel ist schief gegangen. So viel ist kaputt. Auf dem Küchentisch ein Zettel. „Wir sind schon in der Schule, wollten dich nicht wecken. Ich hab Tom sein Pausenbrot gemacht. Bis heute Nachmittag! Lisa.“ Katrin lässt sich auf einen Stuhl fallen. Sie ist stolz auf ihre Große, die so selbständig ist.

Wo ist der Mensch, der sie einmal war? Die Katrin, die voller Lebensfreude steckte. Die immer nach vorne geschaut hat und sich nicht so schnell entmutigen ließ. Soviel Energie hatte sie damals. Als sie und Steffen sich kennengelernt haben. Dann die Hochzeit. Die Kinder. Und jetzt ist alles in die Brüche gegangen. Und sie? Ein Wrack. Kaum noch ein Schatten ihrer selbst. Sie erkennt sich kaum noch wieder. Wie ein Geflecht aus Narben, das ihre Seele überzieht. So mag sie sich selbst nicht mehr leiden. Sich selbst nicht mehr in die Augen schauen. Und auch sonst ist da niemand, der genauer hinschaut. Der erkennt, wie es ihr geht und ihr eine Hand reicht. Da ist niemand, der sie wirklich sieht.

II Akilah

Ein Mädchen, vielleicht heißt es Akilah, etwa fünf Jahre ist sie alt, lacht selten. Als der Fotograf kommt, möchte Akilah erst nicht. Aber dann schaut sie doch in die Kamera. Sie sieht ernst aus. Wie sie da steht neben ihrem Bruder, der vielleicht Karim heißt und etwa sieben Jahre alt ist. Ausgesprochen hübsch sind die beiden. Große braune Augen und dunkle Locken. Lächeln mögen sie nicht. Sie stehen da und schauen in die Kamera. Und die Kamera tut, was so viele Menschen, die an ihnen vorbeigehen nicht tun. Sie sieht hin. Die meisten schauen lieber weg, wenn sie Akilah und Karim sehen. Weil sie den Anblick nicht ertragen. Denn Akilah hat nur noch ein Bein. Ihrem Bruder fehlt der rechte Arm. Einen gewaltigen Schlag gab es, als ihr Haus in die Luft flog – was genau passiert ist, hat Akilah nicht verstanden. Der Vater, der aufgeregt nach ihnen rief, wie sie sich aus den Trümmern kämpften. Wie fremde Menschen sie mitnahmen und wie immer wieder Ärzte sich über sie beugten. Karim war auch da und der Vater. Die Mutter nicht, sie ist nicht mehr bei ihnen. Wo sie ist, weiß Akilah nicht und sie traut sich nicht, nach ihr zu fragen. Jetzt sind sie hier, an diesem Ort. Wo die Bäume anders aussehen und der Himmel und die Menschen. Wo man kein Haus für sich hat sondern sich mit vielen anderen wenig Platz teilen muss. Wenn sie auf der Straße spielt mit den anderen Mädchen, versteht sie die Menschen nicht, die vorübergehen. Weil sie so anders sprechen. Und weil sie wegsehen. Die Stelle, wo ihr linkes Bein war, das eine Prothese jetzt ersetzen soll, ist nur noch eine große, rote Narbe. Die anderen Narben, die sie mitgebracht hat aus dem fernen Land kann man nicht sehen. Und Akilah lernt, nicht hinzusehen. Nicht zurückzusehen. Sich selbst nicht so genau anzusehen. Damit sie weiterleben kann.

III Lied abspielen: Sarah Connor „Wie schön du bist“ (im Netz leicht zu finden)

IV Hagar

Hagar ist allein. Sie sitzt mitten in der Wüste, an einer Wasserstelle. Zusammengekauert sitzt sie da und weiß nicht, wo sie hin soll. Eine Hand ruht auf ihrem Bauch. Auf dem Kind, das sie in sich trägt. Das Kind, um das sie nicht gebeten hat. Das sie für ihren Herrn gebären sollte, damit er und seine Frau, die nicht schwanger werden kann endlich Nachwuchs bekamen. Ihre Idee war das nicht. Nach ihrer Meinung fragte niemand. Eigentlich konnte das nicht gut gehen. Die beiden Frauen gerieten in schlimmen Streit. Ihre Herrin beneidete Hagar. Darum, dass sie schwanger werden konnte. Dass sie mit ihrem Mann erlebte, was ihr selbst nicht vergönnt war. Hagar ist vor ihrem Zorn geflohen. Jetzt sitzt sie hier und weiß nicht weiter. Wie lange sie schon so sitzt, weiß sie nicht. Die Hitze lässt die Landschaft vor ihren Augen verschwimmen. Sie hat nicht bemerkt, dass sich jemand nähert. Doch jetzt steht er vor ihr. Ein Mensch, den sie nicht kennt und der ihr irgendwie unbegreiflich scheint. „Hagar.“ Sagt er und sieht ihr direkt in die Augen. „Hagar, du bist die Dienerin von Sarai, wo kommst du her und wo willst du hin?“ Da ist etwas in seinem Blick, das macht, dass sie ihm ihre Geschichte erzählt. Und er hört ihr zu. Sieht sie an. Und es ist, als ob er in ihr Herz sehen kann. In ihre Seele. Sieht ihre Wut und ihren Schmerz, ihre Angst und ihre Narben. Sieht das Kind in ihrem Bauch. Und sieht, was daraus werden kann, was daraus werden soll. Er sieht sie und sieht viel mehr als das. Sieht, wer sie wirklich ist. Und wie es mit ihr und ihrem Kind weitergehen kann. Und Hagar spürt, dass diese Begegnung eine ganz besondere ist. Dass dieser Mann sie ansieht, sie kennt und versteht. Dass da einer ist, dass da der eine, Gott, ist, der ihr Elend ansieht und es erhört. Und sie steht auf und geht. Bekommt neue Kraft und neuen Mut um durchzustehen, was vor ihr liegt. Und jetzt weiß sie auch seinen Namen, den des Herrn, der da mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht.

V Ein Gott, der mich sieht

Ein Gott, der hinschaut, wo Menschen wegsehen. Der mitleidet, wo das Leid keiner mitansehen kann. Der nahe kommt, wo alle anderen sich wegdrehen. Der ja sagt zu mir und all meinen Farben und all meinen Narben. Der mich anschaut und sagt: Weißt du denn gar nicht, wie schön du bist? Du, so wie du bist. Mit allem was dazu gehört. Ohne „Was wäre wenn“ und „wenn ich nur anders sein könnte“ ohne „wenn das nur alles nicht passiert wäre“ oder „wenn ich nur wäre wie die anderen“. Ein Gott, der sich uns zur Seite stellt. Der verzweifelten Mutter. Dem verletzten kleinen Mädchen, das niemanden versteht. Der ungewollt schwangeren jungen Frau, die keinen Ausweg mehr sieht. Dem arbeitslosen Mann in den fünfzigern, der sich aufgegeben hat.

Hagar nennt ihn beim Namen:

Du bist ein Gott, der mich sieht. Der mehr sieht. Der tiefer sieht, als Menschen jemals sehen könnten. Der zu mir sagt: Lass dich mal anschauen! Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. Da gibt es jemanden, der uns wirklich kennt. Und der die Schönheit erkennt hinter all den Narben und Farben, die auf der Oberfläche liegen.

Und wir? Wir sind gekannte. Erkannte. Und Geliebte. Kein Geheimnis gibt es da, wo jemand uns so sieht, wie Gott es tut. Keinen Schatten. Keine Narbe, die nicht sein darf und keine Freude, die man zurückhalten muss. Hinsehen ohne Vorbehalt. Ohne Wenn und Aber. Gott sieht hin.

VI Hinsehen!

Also lassen sie uns auch hinsehen. Zueinander stehen und füreinander einstehen. Das Potential in einem Menschen sehen. Das, was hinter der Fassade liegt. Besonders Mädchen wie Akilah und ihren Bruder, Menschen wie ihren Vater, die einen langen und schweren Weg hinter sich haben, gibt es bei uns zur Zeit viele. Flüchtlinge, die Zuflucht suchen. Die Hilfe brauchen. Die tiefe Narben mitbringen – äußerlich oder innerlich. Und es ist entsetzlich und beschämend, wenn sie verachtet werden für ihre Hilfsbedürftigkeit. Wenn oberflächlich denkende Menschen vorschnell urteilen. Wenn Hilfe suchende bei uns mit Hass, Neid und Gewalt empfangen werden. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir heute oder morgen auf der Straße Menschen wie Akilahs Vater begegnen. Dann lassen sie uns hinsehen. Nachfragen. Und helfen, wenn wir können. Und die Schönheit des Menschen erkennen hinter all dem, was er auf der Oberfläche mit sich trägt. Und lassen sie uns das tun aus der Kraft dessen, der uns liebt und kennt. Weil er uns ansieht. Tief ins Herz. Amen.

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