Adleraugen

Andacht vom 3.12.2014 in der evangelischen Kirchengemeinde Bovenden

Heute Früh war es soweit: Der erste Schnee! Nicht viel, nur eine feine Schicht, wie Puderzucker auf den Dächern und Autos und Bäumen. Haben Sie sich drüber gefreut? Oder eher geärgert, dass Sie die Scheiben am Auto freimachen mussten und die Straßen glatt waren? Kennen Sie es noch, dieses alte Gefühl aus Kindertagen, wenn man morgens aufwacht und der erste Schnee ist gefallen? Es kribbelt im Bauch und an den Beinen und den Armen. Man möchte am liebsten alles stehen und liegen lassen und nach draußen rennen. Der erste Schnee. Heute Morgen war er also da. Aber ganz egal, ob Sie sich drüber freuen oder ärgern, eines sollten Sie unbedingt mal tun: Ganz genau hinschauen.

Der Stern war ein echter Fund. Wilson brachte das Brettchen in den Schuppen. Es war kalt hier, oft fror er, wenn er lange still am Mikroskop stand, er hätte sich noch den Schal holen sollen. Anders war die Arbeit aber nicht zu machen, es musste kalt sein. Für seine kleinen Wunder fror er gerne.
Vorsichtig berührte er mit einem Holzsplitter die Mitte des Sternkristalls. Es blieb daran kleben. Er übertrug den Kristall auf ein Glasplättchen. Mit der Truthahnfeder schob er ihn in die richtige Position, bis der flach und mittig auf dem Glas lag.
Unter dem alten Mikroskop prüfte er den Kristall. Er war tatsächlich unbeschädigt und hatte noch nicht begonnen zu verdunsten. Die Wassermoleküle eines Schneekristalls begannen sich, meist an den Spitzen oder den scharfen Kanten zu verflüchtigen, dann wurden die Kanten rund und die Spitzen kurz. Aber dieser sah herrlich aus.(…)
Herrlich! Die Eisnadeln des Sterns bildeten jede zahlreiche seitliche Nebenstrahlen, und die Nebenstrahlen waren von winzigen Eisspitzen besetzt, sodass sie wie Federn aussahen. Ein gefiederter Stern. Zudem hatten die Eisnadeln jede eine Mittelrippe, sodass es aussah, als würde ein kleiner Stern auf dem großen liegen. Ein Prachtexemplar.(…)
Er blickte aufs Thermometer. Minus zwei Grad Celsius. Im Notizbuch notierte er die Witterung und die Temperatur. Bei minus zwei Grad gab es die größten Schneesterne, manche vier Millimeter im Durchmesser. Schon bei minus sechs Grad schrumpften sie auf drei Millimeter und bei Minus zwölf hatten sie oft nur noch einen Durchmesser von einem Millimeter. Was, wenn heute noch stattlichere Exemplare da draußen niederfielen? Ein oder zwei musste er noch fangen. Die Vorstellung, dass ihm womöglich gerade eine Entdeckung entging, machte ihn unruhig.
Er nahm das Brettchen und stürmte hinaus. Je kälter es war, desto weniger Wasserdampf enthielt die Luft. Interessanterweise fielen mehr Plättchen und weniger Sterne, wenn es kalt war, obwohl es bei den Plättchen wunderschöne Fälle gab, nicht nur die simplen dünnen Eislamellen in Form länglicher Sechsecke, es gab auch Plättchen mit Linienornamenten und kronenartigen Ansätzen.(…)
Glückstrunken hielt er das Brettchen in den fallenden Schnee. Ein Schatzsucher, ein Entdecker und Weltenerkunder war er, frei wie ein Vogel, dem Himmel mehr verwandt als der Erde.
(Mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch „Der Schneekristallforscher“ von Titus Müller. adeo Verlag, Asslar 2013. https://www.youtube.com/watch?v=uxsuUr9K-Ds )

Wilson Bentley geht auf Schatzsuche. Aber er sucht nicht Gold oder Juwelen, Reichtum oder Ruhm. Seine Schätze sind winzig klein. So klein, dass die meisten Menschen sie einfach übersehen. Einzelne Schneekristalle sind wirklich wahre Wunder. Schauen Sie mal genau hin, wenn Sie das nächste Mal die Gelegenheit haben. Wahre Wunder, die mich staunen lassen. Staunen über die Schönheit, die Vielfalt und den Detailreichtum von Gottes Schöpfung. Staunen über diesen Schöpfer, der so unendlich groß ist. Und der selbst die kleinsten Dinge mit Sorgfalt und Liebe gestaltet hat. Schauen Sie einmal genau hin.
Und wenn ich so darüber nachdenke, habe ich das Gefühl: Das scheint bei Gott Programm zu sein. Große Machtbeweise und beeindruckende Wundertaten? Ja, vereinzelt finden wir die in der Bibel auch. Aber viel deutlicher scheint mir das Bild vom Gott der Stille. Vom Gott des Kleinen. Vom Gott der Details. Was groß und mächtig und lärmend daherkommt bringt auch immer ein Risiko mit sich. Wer sich in Höhen aufschwingt und alles überragt, der kann tief stürzen und in sich zusammenfallen. Was riesig scheint und sich selbst überschätzt, kann in viele Einzelteile zersplittern – und schon ist es vorbei mit der Größe und der Macht und der Stärke.
Gott ist groß und mächtig und stark – daran besteht kein Zweifel. Aber er hat es nicht nötig, sich durch Machtgehabe und Großtuerei Respekt zu verschaffen. Im Gegenteil. Als Jesus einmal nach dem Reich Gottes gefragt wurde, hat er geantwortet:

Markus 4,30-32 Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? 31 Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. 32 Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so daß in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.

Gott kommt im Kleinen. Im winzig Kleinen. So klein manchmal, dass wir ihn und sein Reich einfach übersehen. Ein Schneekristall und ein Senfkorn, die auf den Boden fallen, verschwinden einfach. Um so kleine Dinge wahrzunehmen, müssen wir genau hinschauen. Innehalten. Still werden. Sonst gehen wir einfach darüber hinweg, werden sie übertönt vom Lärm des Lebens, zertreten, oder vielleicht im Keim erstickt. Vielleicht machen wir uns lustig über Leute, die das tun: Ganz genau hinschauen. Wahrnehmen, was winzig ist. So wie Wilson im Buch, den viele für spleenig und verschroben halten. Weil die winzige Welt der Schneekristalle ihn so fasziniert. Aber es ist eine Gabe, genau hinzusehen. Es ist die Mühe wert. Denn was klein ist, das hat oft ein großes Potenzial: Es kann wachsen. Wer klein anfängt, kann sich immer noch steigern.
So wie das Senfkorn. Kleiner geht es kaum. Doch sein Potenzial ist riesig: Ein Baum, in dem Vögel nisten! So ist das mit Gottes Reich, mit Gott mitten unter uns: Es fängt meistens klein an. In einem Lächeln. In einem freundlichen Wort. In einer helfenden Hand. Denn, und auch da sind wir noch im Kleinen: Wo zwei oder drei in Gottes Namen zusammenkommen, da ist er auch. Er und sein Reich höchstpersönlich. Das muss kein Gottesdienst sein und keine Andacht. Das kann die Nachbarin sein, die kurz auf die Kinder aufpasst. Das kann die Kaffeerunde am Nachmittag sein, die einer älteren Dame hilft, mal rauszukommen.

Schauen Sie doch mal genau hin: Vielleicht entdecken Sie etwas von Gott und seinem Reich mitten in ihrem Alltag – und sei es auch noch so klein. Eines steht fest: Die Details sind immer wunderschön.
Und vielleicht stellen Sie auch fest, dass es schon Wurzeln geschlagen hat, das winzige Senfkorn. Dass es beginnt zu wachsen. Und dann pflegen Sie es. Geben Sie ihm Wasser. Dünger. Sonne. Arbeiten sie mit daran, dass es sich ausbreiten und gedeihen kann.Und vielleicht sehen Sie eines Tages die Vögel, die darin nisten.

Winzig klein. Detailverliebt, so ist Gott. Das kann man nicht nur an der atemberaubenden Schönheit von Schneekristallen erkennen. Winzig klein. Detailverliebt. Wenn Sie das nächste Mal ein Baby sehen, dann schauen Sie doch auch da mal genau hin. Die winzigen Finger, Wimpern, Fußnägel. Winzig klein, und doch mit einem riesengroßen Potenzial. Zu wachsen. Sich zu entwickeln. Zu laufen. Zu springen. Zu lachen. Zu trösten. Zu helfen. Und – zu erlösen. Winzig klein. In einem Baby. In einem Stall. So kommt Gott in unsere Welt. Halten Sie inne. Schauen Sie genau hin. Ich bin sicher: Dann können Sie ihn entdecken.

Amen.

 

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