Seele, flieg!

Psalm 103,2

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Sonne und Luft. Himmel und Erde. Regen und Wärme. Ein Haus und ein Bett. Ruhe und Frieden. Streit und Versöhnung.

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Feiern und lachen. Freude und Tränen. Fremde und Freunde. Große und Kleine. Jugend und Alter.

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Essen und Trinken. Duft und Aroma. Geschmack und Genuss. Kaffee und Rosen. Wein und Oliven.

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Worte und Taten. Hände und Füße. Hilfe und Halten. Geben und Nehmen. Denken und Danken.

Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Arbeit und Freizeit. Heimat und Ferne. Nähe und Weite. Hügel und Felder. Berge und Meere.

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Neues und Altes. Zukunft und Hoffnung. Stütze und Stab. Aufbruch und Neuland. Wandern und Wundern.

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Meine Seele, vergiss es nicht in all dem, was dich beschwert und belastet. Beschäftigt und begrenzt. Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Denn was leicht ist und schön, kann verfliegen und scheinbar vergehen, weil das, was schwer ist stärker drückt und belastet.

Dabei, meine Seele, wäre es nicht schön, wenn das Gut schwerer wöge als das Schwere? Wenn in dir das überwiegt, was dich leicht macht, wie ein Karton voller Federn, der dich das Fliegen lehrt statt einem Sack voller Steine, der deinen Weg beschwert?

Darum, meine Seele, hast du die Wahl, manchmal, nicht immer, aber meistens hast du die Wahl: Ob du den Sack voller Steine schulterst und die Füße nicht vom Boden bekommst, oder ob du das Gute nicht vergisst, meine Seele, das Gott dir getan hat, und es dir ansteckst wie Federn und mit Leichtigkeit vorangehst – oder vielleicht fliegst in der Zuversicht, dass du noch mehr Federn finden wirst unterwegs.

Denn das Gute, das Gott dir tut, meine Seele, nimmt keine Ende. Denn alles was Gut und vollkommen ist, kommt von ihm.

Darum lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Advertisements

Mittendrin – der sinkende Petrus

„Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt.“ Matthäus 14,31

 

Sein Kleid ist nass. Von oben bis unten. Sein Kleid ist nass und seine Haare und seine Hand.

Denn die Wellen, die mich überrollen, die mir die Luft nehmen und meinen Füßen den Halt, die Wellen machen nicht Halt vor ihm.

Sein Kleid ist nass und seine Haare triefen, doch seine Hand ist warm und greift nach mir. Und ich ergreife sie, die nasse, warme Hand und ich verstehe:

Er ist hier bei mir. Mittendrin in Wind und Wellen. Triefend nass und tief berührt und felsenfest. Und mein kleiner Glaube wächst ein Stück, weil ich beginne, zu verstehen.

Dass er wirklich da ist, wo ich bin. Mittendrin.

Die heilige Familie

 

1
„Schau mal Schatz, die Bilder sind gekommen!“ Sandra schließt die Tür hinter sich. Mit dem Päckchen in den Händen, das der Postbote gebracht hat, geht sie ins Wohnzimmer. Es ist Samstag, alle sitzen noch am Frühstückstisch. Thomas, ihr Mann lächelt sie an. „Schön!“ Ihre beiden Kinder springen auf und wollen ihr das Päckchen aus den Händen reißen. Sandra lacht. „Langsam! Jetzt wascht euch erstmal die Hände, dann schauen wir zusammen rein.“ Sandra legt das Päckchen auf dem Couchtisch ab. Unter neugierigen Blicken holt sie den Inhalt heraus. Es sind die Fotos ihres Familienshootings, das sie vor ein paar Wochen beim Fotografen gemacht haben. Tolle Bilder sind das. Sandra und Thomas, mit den Kindern. Die Kinder gemeinsam und einzeln. Mal strahlen alle, mal strecken die Kinder frech die Zunge raus. Leons Zahnlücke sieht toll aus und überhaupt: alle wirken total glücklich. Sandra guckt kritisch. „Hmm, ich sollte doch noch ein paar Kilo abnehmen…“ „Ach Schatz, das ist doch egal.“ beschwichtigt ihr Mann. Er fand die ganze Sache mit den Bildern ja ziemlich teuer. Aber seiner Frau zuliebe hat er mitgemacht. Und sie sind ja wirklich schön geworden. Sandra rahmt die Bilder ein und hängt sie auf. Im Flur, da wo man sie gleich sehen kann, wenn man ins Haus kommt. Darüber kommt die Leinwand mit dem Schriftzug, die sie neulich bei Ikea mitgenommen haben. „Family“ steht in großen Buchstaben darauf, verziert mit zwei großen Herzen in pink. Jeder der ins Haus kommt sieht sofort, was hier wichtig ist. Die Familie. Darüber geht nichts. Als alles hängt, betrachet Sandra zufrieden ihr Werk. Was sind sie doch für eine hübsche Familie. Und es fühlt sich an, als hätte das Leben einen Sinn.

2
Jesus ist seit einiger Zeit in Galilääa unterwegs und redet über Gott, wo er hinkommt. Seine Botschaft ist neu und radikal. Er kommt nicht überall gut an. Vielen der strenggläubigen Juden passt nicht, was Jesus sagt. Und schon gar nicht, was er tut. Er will bewusst provozieren. Und erklären, wie Gott sich so einige Gesetze und Gebote eigentlich gedacht hat. Hunderte folge Jesus. Wollen ihn hören. Und sehen. Oft kommt er nicht mal zum essen, weil ihn so viele Menschen belagern. Er vollbringt Wunder. Er macht viele Menschen gesund. Seine Familie findet das alles eher peinlich. Sie fragen sich: Ist Jesus verrückt geworden? Und sie versuchen, die Familienehre zu retten. Ihn nach Hause zu holen. Damit er aufhört, so einen Aufruhr zu verursachen. Aber Jesus will davon nichts wissen. Als er wieder mal in einem Haus voller Menschen predigt, stehen die Mutter und die Brüder von Jesus draußen. Mk 3:

Sie standen vor dem Haus und schickten jemand, um ihn herauszurufen.
32 Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!«
33 Jesus antwortete: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder?«
34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder!
35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!«

Familie – und das Leben hat einen Sinn!?

3
Viola, eine Frau Mitte 30, ist schwanger.
Viola steht in der Ecke ihres Schlafzimmers. Von einer Freundin hat sie den Tipp bekommen, sich einen Geburtsaltar einzurichten. Sie fühlt sich eng mit dem Baby verbunden, das in ihrem Bauch heranwächst. Lange hat sie sich ein Kind gewünscht. Endlich hat es geklappt. Etwas unsicher ist sie immer noch, obwohl jetzt schon der 7. Monat zu Ende geht. Ob ihr Körper das schafft? Ob die Geburt gelingt? Sie will unbedingt aus eigener Kraft gebären, zu Hause, ohne medizinische Eingriffe. Im Einklang mit sich und nur ihren Lieben um sich. Dann werden sie eine Familie sein. Endlich. Auf der kleinen Kommode hat sie eine Figur aufgestellt. Einen Engel, der einen Säugling trägt. Daneben zwei Postkarten mit ermutigenden Sprüchen. Eine Kerze. Ein Tuch in warmen Farben. Immer wenn sie Zweifel bekommt, geht sie hierhin, zu ihrem Geburtsaltar. Macht ruhige Musik an und zündet die Kerze an. „Du schaffst das“ flüstert sie sich selbst zu. „Du kannst das. Du bist stark. Für deine Familie. Das Wichtigste, das es gibt.“

Familie – und das Leben hat einen Sinn!

4
Als seine Familie vor der Tür steht, sagt Jesus: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ Er hätte auch sagen können: „Was wollen die da draußen von mir? Die sind mir nicht wichtig.“ Was würde wohl Sandra zu diesem Satz sagen, die gerade die Bilder von ihrer Familie aufgehängt hat? Und Viola, die vor ihrem Geburtsaltar steht?

5
Stefanie und ihre Brüder haben sich immer gut verstanden. Als Kinder haben sie miteinander gespielt und gestritten, wie alle Kinder. Aber als Jugendliche wurden sie richtige Freunde. Gingen auf die gleichen Partys und hatten die gleiche Clique. Als dann die Ausbildung kam, zogen sie jeder woanders hin. Aber sie haben immer Kontakt gehalten. Wöchentlich telefoniert, sich viel besucht. Geschwister haben eben ein besonderes Verhältnis zueinander. Inzwischen haben sie selbst alle Kinder und auch die verstehen sich richtig gut. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Aber seit ein paar Monaten ist alles anders. Der Vater ist gestorben, alt und lebenssatt, wie man so schön sagt. Aber über das Erbe werden sich Stefanie und ihre Brüder einfach nicht einig. Irgendwann ist einer zum Anwalt gegangen. Sie kommunizieren nur noch schriftlich. Wenn jetzt das Telefon klingelt, und sie erkennt die Nummer ihres Bruders, geht sie nicht dran. Mit denen will sie nicht reden. Mit denen ist sie fertig.
Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Familie – und das Leben hat einen Sinn?

Sandra macht den letzten Karton zu. Obendrauf liegt das Bild. Das Bild, auf dem sie alle vier so schön in die Kamera lächeln. Leon mit der Zahnlücke. Die Leinwand mit dem „Family“-Schriftzug hält sie noch in der Hand. Lange schaut sie darauf. Schließlich stopft sie sie in die Mülltonne. Vor einem halben Jahr ist Thomas ausgezogen. Jetzt ist klar: Sie kann das Haus nicht halten. Sie hat eine Wohnung für sich und die Kinder gemietet. Manchmal ist der Schmerz kaum auszuhalten. Was bleibt denn jetzt? Das war doch ihr ein und alles – die Familie. Ihr Lebenssinn. Dass ihr das passieren konnte! Sie waren doch so glücklich.

6
Wer sind meine Mutter und meine Brüder?« Fragt Jesus.
34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder!
35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!

Die Familie ist mein Lebensglück, mein Lebenssinn! Zu Hause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe! Für meine Kinder gehe ich bis ans Ende der Welt! Die Familie ist mein Ein und Alles! Wenn ich erst ein Baby habe, dann bin ich glücklich!

Familie ist so wunderbar. Zusammen sein. Gemeinschaft, nicht allein. Menschen, die ich und die mich lieben, egal, ob ich verschlafen im Pyjama an den Esstisch schlurfe oder ausgehfein zurechtgemacht bin. Die mich auch dann ertragen, wenn ich schlechte Laune habe und die ich ertrage. Die mich stützen und ein Zufluchtsort sind, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ein Baby, Kinder – was für ein Geschenk! Familie ist wunderbar.

Aber es gibt so viele Sandras, die vor den Trümmern ihres Traumes stehen. So viele Stefanies, die ihre Geschwister nicht mehr sehen wollen. So viele Violas, die einfach keine Kinder bekommen. Familie – mein ein und alles? Und wenn sie zerbricht? Und wenn der Traum nicht wahr wird? Und wenn das Kind, dass ich mir immer gewünscht habe, nie kommt? Und wenn irgendwann jeder merkt, dass er sich selbst der Nächste ist? Dass Menschen das nicht können: meine Träume erfüllen. Meinem Leben Sinn geben, der immer trägt und hält. Weil Sandra Fehler hat. Weil Stefanie uneinsichtig ist. Weil das Leben nicht dafür da ist, unsere Wünsche zu erfüllen. Und schon gar nicht andere Menschen.

7
Wer sind meine Mutter und meine Brüder?
Wer tut, was Gott will. Und ich denke an das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Das will Gott. Die Familie in Ehren halten. Wertschätzen. Mit Respekt behandeln. Dann kann es klappen, mit Gottes Hilfe. Weil Gott die Familie zusammenhält und nicht meine Familie mein Gott ist. Der ich Altäre baue. Deren Bilder ich anbete. Und die nicht leisten kann, was ich ihr zumute: Mich rundum glücklich zu machen.

Jesus sagt nicht: Familie – brauche ich nicht. Aber die Perspektive ist wichtig.
Familie ist, wer zu Gott gehört. Familie ist mehr als das, was wir meistens darunter verstehen. Mehr als Verwandschaft. Dazu möchte ich noch eine Begebenheit erzählen, die ich einmal erlebt habe.

8
Nach dem Abitur habe ich für ein Jahr in Schottland gelebt und in einer Kirchengemeinde gearbeitet. Ich bekam dort Besuch von zwei Freunden aus Deutschland. Sie reisten durch Großbritannien, und nachdem sie bei mir gewesen waren, wollten sie noch London besuchen. Dort hatten sie noch keine Unterkunft. Sie fragten mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte – es durfte nicht viel kosten. Ich wusste von einer Familie in der Gemeinde, die erst kürzlich von London nach Schottland gezogen war. Die fragte ich. Es gäbe da eine Dame in ihrer alten Londoner Gemeinde, sagten sie. Die habe ein Haus mit viel Platz darin. Dort nehme sie immer mal wieder jemanden auf. Ich telefonierte mit ihr, erzählte ihr von meinen Freunden. Die einzige Frage, die die Frau mir über meine Freunde stellte, war: „Are they believers?“ „Sind sie Christen?“ Als ich bejahte, sagte sie sofort zu. Die beiden reisten nach London und fanden bei ihr ein Dach über dem Kopf. Sie bekamen einen Schlüssel. Durften sich am Kühlschrank bedienen. Ein- und ausgehen, wann sie wollten. Geld wollte sie keines. Sie blieben vier Tage. Dann flogen sie wieder nach Hause.

9
„Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Und auf einmal ist die Familie riesengroß. Und über die ganze Welt verteilt. Schwestern und Brüder. Überall. Manche sind mir sympathisch. Mit Manchen ist es schwierig. Familie kann man sich nicht aussuchen. Wie in einer normalen Familie. Mit Gott in der Mitte. Der trägt und vereint. Der versöhnt und verbindet. Der allein glücklich macht.

Im Nebel

Inspiriert von @schafzwitschern bei Twitter und dem Verhalten von Schafen bei Nebel.

Der Nebel zieht auf. Langsam kriecht er über den Rand des Hügels zu uns herunter. Ich sehe in die Richtung und bekomme eine Gänsehaut. Um mich herum die anderen. Es ist ganz still. Alle sehen den Nebel. Alle können ihn spüren. Und riechen. Die Luft riecht feucht. Und sie wird dunkel.

Der Nebel zieht auf. Und jetzt brauchen wir Orientierung. Immer dichter drängen wir uns zusammen. Wo sind die anderen? Der Nebel ist dicht. So dicht, dass ich die Hand vor Augen kaum sehen kann. Die anderen neben mir kaum erkenne. Die Konturen verschwimmen. Und die Stille hält mich fest. Der Nebel zieht auf und das Einzige, was jetzt zählt, ist: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht nur ich hier im Nebel. Sondern ich bin wir. Wir rücken so dicht zusammen, dass wir einander spüren. Der Nebel drängt uns zusammen, denn nur wenn wir uns spüren, im Nebel, können wir einander nicht verlieren. Der Nebel zieht auf und ich frage mich: Wohin? Wenn ich doch nichts sehen kann? Wenn das ich, das wir sind, nichts sehen kann. Wir stehen dicht zusammengedrängt und spüren einander und halten ganz still. Es gibt kein woher und auch kein wohin im Nebel. Im Grau.

Doch dann ein Ruf. Ganz leise erst. Durch den Nebel wie durch Watte. Ganz leise und ganz fern. Und trotzdem ganz nah und in mir drin, ganz tief vertraut. Ein Ruf, der mich meint und mich trifft. Mich und das Ich, das wir sind, alle zusammen. Und ich drehe meinen Kopf in die Richtung, aus der der Ruf kommt. Aus der er zu kommen scheint. Und es ist, als drehe sich mein Kopf, als drehe sich unser Kopf in dieselbe Richtung, alle zusammen. Und dann bewegt sich etwas. Ich gehe, wir gehen, wir bewegen uns langsam dahin. In die Richtung, aus der die Stimme kommt, aus der das Rufen kommt, das nur mich meinen kann, mich ganz allein und uns alle zusammen. Die Stimme, die mich kennt, besser als ich und die ich kenne, immer schon. Die Stimme, die alleine richtig ist, richtig für mich, mich richtig macht und gut und ganz.

Und wir bewegen uns, niemand als Erster, alle zusammen und doch jeder allein für sich. Wir sind ganz still und hören auf die Stimme und wer ganz hinten die Stimme noch nicht hören kann, geht mit, weil er weiß: die anderen hören sie. Auch durch den Nebel, auch ohne Sicht. Und wir bewegen uns, ein einziger großer Körper und niemand weiß wohin, wir wissen nur eins: Der Stimme nach. Durch den Nebel, durch das Grau und durch die Nacht.

Jeder muss gehen, damit wir alle uns bewegen können und so gehe ich voran Schritt für Schritt und höre auf die Stimme in meinem Kopf und in meinem Herzen und in der Luft. Die Stimme, die Vertrauen ist. Vertrauen schafft in mir. Weil sie zu mir gehört und zu dir der du mich kennst, besser noch als ich. Und sie kommt näher durch den Nebel, die Stimme, deine Stimme, bis sie ganz dicht ist, da neben mir. Und auf einmal stehen wir still. Der Nebel ist noch da, doch jetzt ist er egal. Denn du bist da. Im Nebel und mitten unter uns. In unserer Mitte. Ganz in der Mitte. Und wir sind bei dir. Und alle Köpfe drehen sich zu dir und alle drehen wir uns zur Mitte. Denn da bist du. Und du machst uns eins. Mit dir in unserer Mitte können wir uns nicht trennen, denn du bist ja nicht nur die Mitte von uns sondern auch die Mitte von mir. Zu der ich gehöre und ohne die ich nicht bin. Niemand von uns. Bleib bei uns, hier im Nebel und wir bleiben bei dir.

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ (Jesus, Johannesevangelium 10,14)

#teamrettungsgasse

Freitagnachmittag. Heinrich ist auf der A2 unterwegs. Die Dämmerung ist jetzt nicht mehr zu übersehen. Es regnet, die Scheibenwischer stehen kaum still. Vor ihm reiht sich Rücklicht an Rücklicht. Im Rückspiegel unzählige Scheinwerfer. Die Autobahn ist voll. Alle wollen nach Hause. Heinrich auch. Aber es kommt, wie es kommen musste. Nichts geht mehr. Entnervt dreht Heinrich den Zündschlüssel um. Wenn er sowieso im Stau steht, muss der Motor auch nicht laufen. Weder vor- noch hinter ihm bewegt sich etwas. Das Radio lässt er laufen. Wenigstens die Musik gefällt ihm.

Es war im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Antipas regierte in Galiläa, sein Bruder Philippus in Ituräa und Trachonitis, Lysanias regierte in Abilene. Die obersten Priester waren Hannas und Kajaphas. Johannes, der Sohn von Zacharias, hielt sich noch in der Wüste auf. Dort erging an ihn der Ruf Gottes. Da machte er sich auf, durchzog die ganze Gegend am Jordan und verkündete: »Kehrt um und lasst euch taufen, denn Gott will euch eure Schuld vergeben!« Schon im Buch des Propheten Jesaja steht: »In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹ (aus Lukas 3)

Heinrichs Gedanken gehen spazieren. In vier Wochen ist Weihnachten. Von Besinnlichkeit und Festtagsstimmung ist bei ihm keine Spur. Wie soll die auch aufkommen, wenn kurz vor Jahresende in der Firma immer am meisten los ist. Vielleicht hätte er doch mit 65 aufhören sollen. Aber sein Chef hat auf ihn eingeredet. „Du bist doch noch gesund. Und wir brauchen dich hier.“ Also macht er weiter. Auch den Stress am Jahresende. Früher hat das mit Weihnachten ihm mal etwas bedeutet. Aber das ist lange her. Viel ist seitdem passiert. Viel, das zwischen ihm und Weihnachten steht.

Plötzlich bemerkt Heinrich im Rückspiegel ein Blaulicht. Weit hinter ihm. Die Polizei wahrscheinlich. Oder ein Rettungswagen? Der hat jedenfalls keine Chance, hier durchzukommen.

In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Wir müssen ihn da rausholen!“ Der Mann muss gegen den Regen und den Lärm der Autos auf der anderen Fahrspur anbrüllen. Der VW vor ihm hat sich einmal überschlagen und ist völlig verbeult. Der Fahrer steckt fest. Er scheint bewusstlos zu sein. „Wie sollen wir das denn schaffen? Die Tür klemmt und verletzt ist er bestimmt auch. Wir machen doch alles nur noch schlimmer!“ antwortet der Fahrer des grünen Fiat, der neben ihm angehalten hat. „Wo bleibt denn nur der Rettungswagen?“ Der erste Mann wirft einen Blick auf die riesige Schlange an Fahrzeugen, die sich hinter der Unfallstelle gebildet hat. „Da kommen die nie durch! Warum bilden die denn keine Rettungsgasse?“ Er läuft zum ersten Wagen in der Reihe, klopft an die Fahrertür. Das Fenster geht auf. „Fahren Sie an die Seite! Wir brauchen eine Rettungsgasse, damit der Krankenwagen durchkommt! Bitte sagen sie es auch den anderen Fahrern weiter!“

In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Der Karton mit der Weihnachtsdekoration ist ganz schön schwer. Sandra schnauft ziemlich, als sie die Kellertreppe geschafft hat. Sie stellt den Karton auf den Wohnzimmertisch und öffnet ihn. Kugeln und Engel, Sterne, Kerzenhalter und Lichterketten kommen zum Vorschein. Da hat sich im laufe der Jahre so einiges angesammelt. Sie legt eine Weihnachts-CD auf und beginnt, die Wohnung zu dekorieren. Nach einer Weile fällt ihr eine kleine Holzfigur in die Hand. Sie gehört zur Krippe. Es ist das Jesuskind. Mit ausgestreckten Armen liegt es da und sieht Sandra an. Jesus. Mit der Figur in der Hand setzt Sandra sich aufs Sofa. Die Krippe hat sie von ihren Eltern bekommen. Damals, als noch alles in Ordnung war. Zu Hause hatte sie immer unter dem Weihnachtsbaum gestanden. Am Heiligen Abend wurde sie aufgebaut. Aber das Jesuskind durfte noch nicht hinein, ehe die Familie zur Christvepser in der Kirche gewesen war. Darauf bestand Sandras Vater. Nach dem Gottesdienst stand die Familie um den erleuchteten Baum. Der Vater las die Weihnachtsgeschichte noch einmal vor. Sie beteten ein Vaterunser. Und mit einer feierlichen Geste legte er das Jesuskind an seinen Platz in der Krippe. „Jetzt ist er da, der Retter.“ sagte er dann immer. Als Sandras Kinder kamen, gaben die Eltern die Krippe an sie weiter. „Wir kommen doch jetzt Weihnachten immer zu euch.“ Hatte der Vater damals gesagt. Sandra seufzt. Das alles ist lange her. Der Kontakt zu ihren Eltern ist seit einigen Jahren abgebrochen. Ein Streit, verletzte Gefühle, zornige Anrufe, ein Wort ergab das andere. Und dann: Funkstille. Seitdem hat Sandra die Krippe nicht mehr aufgebaut. Ärgerlich schüttelte sie die Gedanken ab und legte die Holzfigur auf den Tisch. Die letzten Sterne sind schnell aufgehängt. Dann muss sie sich um das Mittagessen kümmern. Die Kinder würden bald aus der Schule kommen.

In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Heinrich sieht noch immer das Blinken des Blaulichts im Rückspiegel. Plötzlich ertönt im Radio das Geräusch für die Verkehrsmeldungen. „Eine Meldung für alle Fahrer die auf der A2 im Stau stehen. Bitte bilden Sie eine Rettungsgasse, damit die Rettungskräfte zur Unfallstelle vordringen können.“ Rettungsgasse? Wie ging das gleich? Heinrich überlegt. Zwischen der linken und der mittleren Spur soll man die doch machen. Das erklärt auch, warum das Auto vor ihm so dicht an die linke Leitplanke rangefahren ist. Heinrich setzt vorsichtig ein Stück zurück und tut es ihm gleich. Jetzt erkennt er auch den Aufkleber, der auf dem Heck des Wagens klebt: #teamrettungsgasse

 In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Sandras Tochter kommt in die Küche. „Mama, was ist das?“ Sie hat die kleine Jesusfigur in der Hand. „Ach das… nichts. Das haben wir früher immer … egal. Komm gib mal her. Ich räume das weg. Sie steckt die Figur in die Hosentasche. Am nächsten Morgen will Sandra die Waschmaschine anstellen. Als sie in die Taschen der Hose greift, die sie gestern getragen hat, fällt ihr wieder Jesus in die Hand. Nachdenklich sieht sie die Figur noch einmal an. Fast sieht es aus, als ob er sie direkt anschaut. Als ob er etwas von ihr wollte. „Du verfolgst mich wohl.“ denkt sie. „Was willst du eigentlich von mir?“ „Jetzt ist er da, der Retter.“ Hatte ihr Vater immer gesagt. Zu ihr war er seit dem Streit jedenfalls nicht mehr gekommen. Wieder legtsie die Holzfigur in die Hosentasche.

In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Es hat einige Zeit gedauert, aber endlich ist die Rettungsgasse breit genug, damit der Krankenwagen hindurchfahren kann. Heinrich sieht das Blaulicht an sich vorbeifahren, so aus nächster Nähe ist das Martinshorn wirklich laut. Er sieht, wie sich das Licht weiter von ihm entfernt. Einige hundert Meter vorne bleibt es stehen. Die Unfallstelle ist also gar nicht weit entfernt. „Endlich sind sie da, die Retter“ denkt er. Dann muss er stutzen. Dieser Gedanke … Er stößt etwas in ihm an. Da klingt etwas nach. Eine Erinnerung. Ein Schmerz. Eine Verletzung. Bald ist Weihnachten. Der Retter kommt. Aber – kommt er denn auch durch? Käme er denn auch durch zu mir, wenn er mich retten wollte? Oder gäbe es gar keine Rettungsgasse? Was steht ihm denn eigentlich im Weg? Verwirrt schüttelt Heinrich die Gedanken ab. 20 Minuten später geht es endlich weiter und er kann sich auf den Weg nach Hause machen.

Am nächsten Morgen liest er in der Zeitung von dem schweren Unfall auf der A2. Der verunglückte Fahrer konnte gerettet werden. Dank einiger beherzter Menschen, die dafür sorgten, dass eine Rettungsgasse gebildet wurde. Die Autofahrer ansprachen und beim Radio anriefen. Heinrich muss wieder an den Aufkleber auf dem Autoheck denken. #teamrettungsgasse.

In der Wüste ruft einer: ›Macht den Weg bereit, auf dem der Herr kommt! Ebnet ihm die Straßen! Füllt alle Täler auf, tragt Berge und Hügel ab, beseitigt die Windungen und räumt die Hindernisse aus dem Weg! Dann wird alle Welt sehen, wie Gott die Rettung bringt.‹

Vier Wochen später. Sandra sitzt mit ihrer Familie an Heiligabend in der Kirche. Sie sieht auf die Uhr. Der Braten schmort bei niedriger Temperatur im Ofen. Aber wenn hier nicht bald Schluss wäre, müsste sie früher gehen, um die Kartoffeln aufzusetzen. Der Pfarrer scheint heute kein Ende zu finden. Ständig spricht er vom Retter, den Gott schickt. Jesus, als Kind in der Krippe geboren … Sie kann es schon auswendig nachsagen. Plötzlich horcht sie auf. „Was steht eigentlich zwischen ihnen und dem Retter?“ fragt der Pfarrer. Sie muss an die Holzfigur denken, die sie in der Kiste gefunden hat. Und plötzlich geht es ihr auf: Ein Streit steht da. Ärger und Verletzungen. Schuld und Härte. Seit der Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen ist, dringt die Botschaft von Weihnachten nicht mehr zu ihr durch.

Als die Familie später um den Esstisch sitzt, bei Braten und Kartoffeln, hat Sandra die schweren Gedanken beiseite geschoben. Die Kinder sind quirlig und aufgeregt, können gar nicht erwarten, dass sie endlich ihre Geschenke bekommen. Plötzlich klingelt es an der Tür. Alle sehen sich verwundert an. „Das Christkind!“ ruft ihre Jüngste. Sandra schüttelt lächelnd den Kopf und geht zur Tür. Als sie sie öffnet, verschlägt es ihr die Sprache.

 

Eine halbe Stunde später stehen alle vor dem Weihnachtsbaum. Sandra, ihr Mann und die Kinder. Heinrich und seine Frau. „O du Fröhliche“ haben sie gesungen. Heinrich hat die Weihnachtsgeschichte erzählt. Und sie haben gemeinsam ein Vaterunser gebetet. „Wartet kurz“ sagt Sandra und geht aus dem Zimmer. Aus der Schublade der Kommode im Flur nimmt sie die kleine Jesusfigur. Sie hat es nicht übers Herz gebracht, sie wieder in den Keller zu tragen. „Hier, Papa.“ Sie gibt Heinrich die Figur in die Hand. Er legt sie unter den Weihnachtsbaum. „Jetzt ist er da, der Retter.“

St. Martin – oder: Wirklich Halbe-Halbe?

St. Martin, St. Martin, St. Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind, St. Martin ritt mit leichtem Mut, sein Mantel deckt ihn warm und gut.

St. Martin, ein Mann, der im 4. Jahrhundert gelebt hat, Soldat der kaiserlichen Garde. Der durch die Straßen von Amiens ritt, an einem Tag, an dem es nass und kalt war. Vielleicht so wie heute.

Im Schnee saß, im Schnee saß im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an. „O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittre Frost mein Tod.

Und St. Martin reitet nicht vorbei, an dem Mann, der da im Stadttor sitzt und ihn um Hilfe bittet. Er sieht ihn an. Viel hat Martin wohl selber nicht, vielleicht hätte er ihm auch einfach eine kleine Münze hinwerfen können. Aber was macht er stattdessen? Er steigt vom Pferd. Und dann…

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an, sein Ross stand still beim armen Mann, St. Martin mit dem Schwerte teilt den warmen Mantel unverweilt.

Dann gibt er, was er kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Martin nur einen Mantel hat. Einen wertvollen, warmen Mantel, den man dringend braucht als Soldat im Winter. Und was tut er? Er gibt nicht ein bisschen von dem was er hat. Er teilt was er hat. Und was bringen wir unseren Kindern bei: Teilen bedeutet: Halbe-Halbe.

Und dann sind da zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine auf dem Pferd und der andere auf dem Boden. Der eine gut versorgt, der andere elend und schwach. Und doch könnten sie nicht gleicher sein. Martin und der Bettler auf dem Boden umhüllt von zwei Teilen desselben Mantels. Martin teilt mit diesem Mann. Fifty-fifty. Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin, damals, in den Straßen von Amiens nicht angehalten hätte?

St. Martin, St. Martin, St. Martin galoppiert voran den Bettler sieht er gar nicht an. Ne Münze wirft er ihm noch nach, und reitet schnell zum warmen Dach.

Dann wäre der Bettler vielleicht nicht nur traurig und einsam und elend, dann wäre er vielleicht wütend und kriminell geworden. Er hätte sich genommen, was er so dringend braucht, weil niemand es ihm geben will. Weil er dabei ist zu verhungern und zu erfrieren. Weil er keine Arbeit hat und keine Zukunft und keine Hoffnung. Weil er sich von den Menschen und der Gesellschaft vernachlässigt fühlt und missachtet. Weil ihm ständig gezeigt wird: Du bist nichts wert in unseren Augen.

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin damals in den Straßen von Amiens nicht angehalten und seinen Mantel geteilt hätte? Dann würden wohl heute keine Kinder mit Laternen im November durch die Dörfer ziehen. Dann wären wir ärmer um einen schönen Brauch und hätten nur noch Kürbisfratzen und „Süßes oder Saures“ im Herbst. Eine Kultur des „Wie du mir so ich dir“ und „Wer nichts verdient soll auch nichts bekommen.“

Das mag und will ich mir nicht vorstellen. Doch die Frage geht noch weiter.

Was wäre eigentlich wenn…

… ich mich nicht nur jedes Jahr im November an die Geschichte vom Heiligen Martin erinnern Lieder singen, Laterne laufen und Würstchen essen würde?

Was wäre eigentlich, wenn …

… der Heilige Martin nicht nur ein Anlass wäre, zusammen zu basteln und zu feiern, sondern wenn er und sein Handeln ein Vorbild wären, das wir nicht nur Kindergartenkindern als beispielhaft lehren. Sondern ein Vorbild für mich.

Der Heilige Martin, der nicht nur ein bisschen abgibt von dem, wovon er sowieso zu viel hat. Sondern der seinen wertvollen Besitz teilt mit dem, der so dringend etwas braucht. Fifty-fifty.

Wäre das wohl ein Vorbild?

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin legt sich müd‘ zur Ruh
da tritt im Traum der Herr dazu.
Er trägt des Mantels Stück als Kleid
sein Antlitz strahlet Lieblichkeit.

„Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ sagt Jesus.

Was wäre eigentlich wenn…

… der Heilige Martin nicht nur ein Anlass für einen schönen Brauch wäre, sondern mir ein echtes Vorbild. Teilen. Nicht nur etwas abgeben. Halbe-Halbe. Und ich überlege, wieviel ich wohl für Weihnachtsgeschenke ausgeben werde in diesem Jahr, um Menschen zu beschenken, die sowieso schon alles haben.

Was wäre eigentlich, wenn …

… diese Geschenke nur die Hälfte kosten würden. Und ich den Rest weitergeben würde. An jemanden, der es wirklich braucht.

Sankt Martin, Sankt Martin
Sankt Martin gab den halben still,
ob ich das auch versuchen will?

Gott, lehre mich weiterzugeben von dem Segen, den du mir anvertraust. Amen.

Himmlischer Speiseplan

Es ist Montagmittag. Ich mache mit meiner Vierjährigen heute einen Ausflug zum neuen Kindergarten. In sechs Wochen ziehen wir um, und sie darf vor den Ferien schon mal probespielen. Damit sie ein bisschen weiß, was sie nach dem Umzug erwartet. Alles ist neu und aufregend, am Anfang ist sie schüchtern, aber dann spielt sie drauflos und will eigentlich gar nicht mehr weg. Nach zwei Stunden werde ich nervös. Ich habe heute noch ein bisschen Schreibtischarbeit zu machen, muss noch ein Geschenk für den Kindergeburtstag besorgen, auf den die Große eingeladen ist und noch ein paar Dinge bei Leuten vorbeibringen. Also brechen wir auf.

Nach einer kurzen Stippvisite im Pfarramt machen wir uns gegen 11 Uhr auf dem Heimweg. „Ich bringe dich dann zu Hause noch in den Kindergarten, ja?“ frage ich meine Tochter. „Och nö!“ antwortet sie erschöpft. „Aber da gibt es dann Mittagessen!“ versuche ich zu locken. „Ich will lieber zu Hause Mittagessen bekommen. Milchreis! Mit Zimtzucker!“ Ich seufze innerlich auf. Klar, ich könnte zu Hause Milchreis zusammenrühren. Aber eigentlich brauche ich noch zwei Stunden Zeit, um in Ruhe zu arbeiten. Meine Entscheidung steht: Ich bringe die Kleine in den Kindergarten, ob sie will oder nicht. Ich stelle mich auf einen Machtkampf mit Geschrei und Tränen ein, wenn ich sie dort abgebe. Manchmal macht sie solche Szenen. Die Erzieherinnen versichern mir, dass sie sich immer wieder sehr schnell beruhigt und fröhlich spielt, wenn ich erstmal gegangen bin. Aber das Theater allein kostet mich jedesmal Kraft und Nerven.

Auf dem Weg Richtung Heimatort schläft das Töchterchen im Auto ein. Um die Uhrzeit ist das eher ungewöhnlich und ich ahne, dass der Besuch im neuen Kindergarten für sie doch ganz schön aufregend war. Klar, wie soll so ein kleiner Mensch auch verstehen und abschätzen, was es bedeutet, umzuziehen. Da muss sie sich erstmal zurechtfinden. Ich bin auch erschöpft. So anstrengend wie in den letzten Wochen war mein Leben noch nie: Einstieg in den Job; von jetzt auf gleich viel Verantwortung tragen, Renovierung und Umzug organisieren, ständig zwischen zu Hause und dem Pfarramt hin und her fahren und nebenbei versuchen, auch noch den Kindern als Mutter gerecht zu werden. Ich sehne mich nach Ruhe und einer Pause und kann mir schon allein deshalb gerade nur schwer vorstellen, die Kleine mit nach Hause zu nehmen.

Als wir am Kindergarten ankommen, dauert es eine Weile, bis ich sie wachkriege. Dieser Zustand ist immer schwierig und in solchen Momenten ist die Laune grundsätzlich schlecht. Ganz ungünstige Voraussetzungen für mein Vorhaben, sie für die verbleibenden drei Kindergartenstunden zu begeistern.

Glücklicherweise macht uns ihre Lieblingserzieherin die Tür auf und spricht Junia direkt an „Gut dass du kommst! Gleich gibt es Mittagessen!“. Junia klammert sich an mein Bein und will mich nicht gehen lassen. Ich werfe einen Blick auf den Speiseplan. „Mensch, Junia, es gibt Lasagne! Lecker!“ versuche ich sie zu begeistern. Ich wäre ja selig, wenn mir in diesen Tagen jemand einen Teller mit fertiger Gemüselasagne vor die Nase stellen würde …

Junia aber verzieht das Gesicht. „Mag ich nicht!“ Das hätte ich mir ja denken können. Das kann sie heute ja schon aus Prinzip gar nicht mögen. Ich verdrehe etwas ungeduldig die Augen und will schon weitere Überredungskniffe auspacken. Da sagt die Erzieherin: „Ja, wir haben auch gedacht, dass es Lasagne gibt. Aber leider stimmt der Plan heute nicht.“ „Was gibt es denn dann?“ frage ich. „Milchreis mit Zimtzucker“, antwortet die Erzieherin. Ich traue meinen Ohren nicht. Junias Gesicht hellt sich sofort auf. Sie strahlt mich an und hüpft auf und ab. „Leeeeecker!! Milchreis!!“ ruft sie begeistert. Die Erzieherin nimmt sie an die Hand. „Na dann komm, wir bereiten schon mal den Tisch vor.“ Und weg sind sie. Ich kann gerade noch „Tschüss, bis nachher!“ rufen und trete erleichtert und dankbar den Heimweg in Richtung Ruhe und Schreibtisch an.

Gott weiß, was wir brauchen, damit es uns gerade jetzt gut geht. Für die einen sind es zwei Stunden in Ruhe am Schreibtisch. Für die anderen ist es Milchreis mit Zimt und Zucker. Und dann kommt es schon mal vor, dass sich der Speiseplan auf himmlische Weise ändert. Danke, Gott.

Gott im Chinabistro

Vor ein paar Monaten wurde meine Tochter eingeschult. Wir hatten nicht viel Besuch. Großeltern, eine Tante mit Familie. Insgesamt waren wir, glaube ich, zu neunt. Bei der feierlichen Begrüßung in der Turnhalle der Schule erwähnte die Schulleiterin das Spielcafé, das von Ehrenamtlichen einmal in der Woche nachmittags auf dem Schulgelände angeboten wird. Jeder kann dort hingehen, Kaffee trinken, mit anderen ins Gespräch kommen – die Kinder haben jemanden zum Spielen, kurz: Eine tolle Sache. Seit einiger Zeit sind bei uns im Ort Flüchtlinge untergebracht und die Leute vom Spielcafé laden diese nun ein. Eine gute Idee.

In der Turnhalle am Einschulungstag saß ich nun zufällig neben der Mutter, die das Spielcafé mit betreut. Ich sprach sie nach der Veranstaltung darauf an. Sie erzählte von einem Problem: Sie würden von den Flüchtlingen selbstverständlich kein Geld für Kaffee und Kuchen nehmen (jeder andere muss einen kleinen Beitrag bezahlen). Jetzt würden die Finanzen knapp. Ich griff kurzerhand nach meinem Geldbeutel, zog einen Schein heraus und drückte ihn ihr in die Hand. Da sich kein kleinerer Schein im Geldbeutel befand, nahm ich eben einen größeren. Das alles geschah, bevor ich richtig realisiert hatte, was ich da tat. Sie bedankte sich und war im Gewusel der Einschulungsfeier verschwunden.

Als unsere kleine Festgesellschaft später zu Hause war, knurrte uns allen der Magen. Da die vorhergehenden Tage bei uns ziemlich turbulent waren, hatte ich beschlossen, nicht zu kochen, sondern Essen zu bestellen. So warteten wir also ungeduldig darauf, dass der Lieferant des Chinabistros uns gebratene Nudeln, Krabbenchips und Frühlingsrollen brachte. Nur leider kam er nicht. Nicht zur verabredeten Uhrzeit, nicht eine Viertelstunde später, nicht eine halbe Stunde später. Mein Mann stand die ganze Zeit draußen auf der Straße, um ihn in Empfang zu nehmen, da unser Hauseingang schwer zu finden ist. Die Stimmung war dementsprechend. Nach mehreren Telefonaten stellte sich heraus, dass der Fahrer in den falschen Stadtteil gefahren war, in dem es eine Straße mit genau dem gleichen Namen gibt. Mein Mann lotste ihn per Telefon zu uns. Schließlich kam das Essen bei uns an – eine geschlagene Stunde nach der verabredeten Zeit. Der Fahrer entschuldigte sich mehrfach – der Irrtum tat ihm wirklich leid. Und dann kam der Knüller: Aufgrund der Verspätung überließ er uns das Essen kostenlos.

Mein Mann brachte es nach drinnen und es war tatsächlich fast alles noch so warm, dass wir einfach essen konnten. Die Stimmung stieg wieder. Und dann realisierte ich, dass die Kosten für das Essen knapp über dem Betrag gelegen hätten, den ich vorher in der Turnhalle der anderen Mutter für das Spielcafé gegeben hatte. Ich lächelte still in mich hinein. Manchmal geht Gott ungewöhnliche Wege, um uns zu beschenken. An diesem Tag war sein Helfer der Fahrer vom Lieferservice, der am Telefon missverstanden hatte, in welchen Stadtteil er fahren sollte. Erstaunlich.

Die Sache mit den Bestattungen …

Ich bin noch nicht lange in diesem Beruf unterwegs. Aber wenn ich jemandem erzähle, was ich beruflich mache, oder jemanden treffe, den ich länger nicht gesehen habe, dann kommt eine Frage fast immer: „Wie geht´s dir mit den Beerdigungen, die du machen musst? Das ist doch bestimmt sehr belastend, oder?“ Wie gesagt, ich bin noch nicht sehr lange dabei. Und bisher hatte ich nur verhältnismäßig „unproblematische“ Fälle (meist habe ich ältere Menschen bestattet, die nach einem recht langen und guten Leben verstorben sind). Aber meine Antwort ist eindeutig: Nein! Im Gegenteil! Und genau das Gleiche höre ich auch immer wieder von (gerade älteren) Kollegen:

Beerdigungen sind nicht der schreckliche Teil des Berufs, der nun mal leider dazu gehört und den man eben jahrzehntelang zähneknirschend und die Realität der eigenen Sterblichkeit verdrängend auch irgendwie machen muss. Beerdigungen – und alles, was dazu gehört – machen einen verhältnismäßig großen Teil der Arbeitszeit einer Pastorin aus. In Kirchengemeinden sterben in der Regel mehr Menschen, als sich beispielsweise trauen lassen oder ihre Kinder zur Taufe bringen. Aber sie sind mit das Beste an dem Job. Denn in einem Trauerfall öffnen Menschen dem Seelsorger und Liturgen, der sie in der Trauer begleitet meist sehr bereitwillig ihre Türen – und ihre Herzen.

Im Trauerfall geht es ums Eingemachte, um die Substanz. Darum, was von unserem Leben übrig ist, wenn wir der knallharten Realität des Todes ins Auge sehen müssen. Ein Besuch bei einer trauernden Witwe oder einem anderen Hinterbliebenen ist etwas ganz Besonderes. Ich als (angehende) Pastorin habe das Privileg, mit Menschen, die an Grenzen kommen, die sie möglicherweise so noch nie erlebt haben, intensiv ins Gespräch zu kommen. Ich kann sie ein – kurzes oder längeres – Stück auf ihrem Weg begleiten. Und ihnen vielleicht helfen, den Weg zurück in ein „normales“ Leben zu finden. Wenn jemand trauert, dann tritt Vieles zurück, was im Alltag an der Oberfläche liegt und was den Blick auf das Innere, auf das was uns ausmacht, verstellt. Wer mich in der Zeit der Trauer zu sich einlädt und bittet, den geliebten Menschen zu bestatten, der gewährt mir einen Einblick in den ganz intimen Kreis einer Familie oder einer anderen Gemeinschaft. Ich werde mit hineingenommen in das Leben eines einzigartigen Menschen und sehe die Spuren, die er bei den Menschen, die ihn geliebt haben, hinterlassen hat. Meistens treten in solchen Gesprächen Konventionen in den Hintergrund. Es dürfen Tränen fließen, auch bei Menschen, die sonst stets darauf bedacht sind, die Contenance zu wahren. Es darf gelacht werden über schöne Erinnerungen. Man darf wütend sein über Dinge, die schief gelaufen sind oder versäumt wurden. Bei Trauernden erlebt man das Leben oft so, wie es wirklich ist. Ohne Maske im Gesicht und Vorhang vorm Fenster.

Und dann habe ich die ehrenvolle Aufgabe, einen Verstorbenen und seine Angehörigen auf seinem letzten Weg zu führen. Und vor allem habe ich das unglaubliche Vorrecht, in all die Dunkelheit der Trauer, die oft obenauf liegt, Lichtstrahlen zu schicken. Strahlen der Dankbarkeit für das, was war. Und den großen, übermächtigen Sonnenaufgang der Hoffnung, die wir als Christen haben: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus Christus ist auferstanden und darum werden auch wir leben, selbst wenn wir sterben! Was für eine Botschaft! Gibt es etwas Besseres, als der irdischen Verzweiflung von Menschen angesichts des Todes die großartige Nachricht vom Leben in Ewigkeit entgegenzusetzen? Das ist doch die Quintessenz des Neuen Testaments, des Evangeliums, das allein der Grund ist, warum ich diesen Beruf überhaupt mache. In kaum einem Moment kommt es so zur Geltung, wie wenn ich am frisch ausgehobenen Grab eines Menschen über das Leben sprechen darf.

Die Sache mit den Beerdigungen – „Ist das nicht sehr belastend?“ Nein. Im Gegenteil. Angst haben wir meistens ja vor den Dingen, die wir nicht kennen. Wer sich nie mit dem Tod auseinandergesetzt hat, der wird ihn fürchten und den Gedanken an Beerdigungen als belastend empfinden. Oder wer die Botschaft von der Auferstehung nicht kennt.

Das Leben besiegt den Tod. Endgültig. Wenn das mal nicht die ultimative ENTlastung ist …

Wie schön du bist

Predigt in der St. Martini-Kirche Bovenden vom 30.08.2015

I Katrin

Als Katrin morgens aufwacht, will sie sich am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen. Wie soll sie diesen Tag nur durchstehen? Sie hat lange geschlafen. Trotzdem fühlt sie sich unendlich erschöpft. Arme und Beine sind schwer wie Blei. Aufstehen scheint unmöglich zu sein. Als sie es endlich geschafft hat, sich ins Bad zu schleppen, fällt ihr Blick in den Spiegel. Ein Gesicht sieht sie vor sich. Ein Gesicht, das nicht zu ihr zu gehören scheint. Dahinter steht ein Leben, das sie so nie leben wollte. So viel ist schief gegangen. So viel ist kaputt. Auf dem Küchentisch ein Zettel. „Wir sind schon in der Schule, wollten dich nicht wecken. Ich hab Tom sein Pausenbrot gemacht. Bis heute Nachmittag! Lisa.“ Katrin lässt sich auf einen Stuhl fallen. Sie ist stolz auf ihre Große, die so selbständig ist.

Wo ist der Mensch, der sie einmal war? Die Katrin, die voller Lebensfreude steckte. Die immer nach vorne geschaut hat und sich nicht so schnell entmutigen ließ. Soviel Energie hatte sie damals. Als sie und Steffen sich kennengelernt haben. Dann die Hochzeit. Die Kinder. Und jetzt ist alles in die Brüche gegangen. Und sie? Ein Wrack. Kaum noch ein Schatten ihrer selbst. Sie erkennt sich kaum noch wieder. Wie ein Geflecht aus Narben, das ihre Seele überzieht. So mag sie sich selbst nicht mehr leiden. Sich selbst nicht mehr in die Augen schauen. Und auch sonst ist da niemand, der genauer hinschaut. Der erkennt, wie es ihr geht und ihr eine Hand reicht. Da ist niemand, der sie wirklich sieht.

II Akilah

Ein Mädchen, vielleicht heißt es Akilah, etwa fünf Jahre ist sie alt, lacht selten. Als der Fotograf kommt, möchte Akilah erst nicht. Aber dann schaut sie doch in die Kamera. Sie sieht ernst aus. Wie sie da steht neben ihrem Bruder, der vielleicht Karim heißt und etwa sieben Jahre alt ist. Ausgesprochen hübsch sind die beiden. Große braune Augen und dunkle Locken. Lächeln mögen sie nicht. Sie stehen da und schauen in die Kamera. Und die Kamera tut, was so viele Menschen, die an ihnen vorbeigehen nicht tun. Sie sieht hin. Die meisten schauen lieber weg, wenn sie Akilah und Karim sehen. Weil sie den Anblick nicht ertragen. Denn Akilah hat nur noch ein Bein. Ihrem Bruder fehlt der rechte Arm. Einen gewaltigen Schlag gab es, als ihr Haus in die Luft flog – was genau passiert ist, hat Akilah nicht verstanden. Der Vater, der aufgeregt nach ihnen rief, wie sie sich aus den Trümmern kämpften. Wie fremde Menschen sie mitnahmen und wie immer wieder Ärzte sich über sie beugten. Karim war auch da und der Vater. Die Mutter nicht, sie ist nicht mehr bei ihnen. Wo sie ist, weiß Akilah nicht und sie traut sich nicht, nach ihr zu fragen. Jetzt sind sie hier, an diesem Ort. Wo die Bäume anders aussehen und der Himmel und die Menschen. Wo man kein Haus für sich hat sondern sich mit vielen anderen wenig Platz teilen muss. Wenn sie auf der Straße spielt mit den anderen Mädchen, versteht sie die Menschen nicht, die vorübergehen. Weil sie so anders sprechen. Und weil sie wegsehen. Die Stelle, wo ihr linkes Bein war, das eine Prothese jetzt ersetzen soll, ist nur noch eine große, rote Narbe. Die anderen Narben, die sie mitgebracht hat aus dem fernen Land kann man nicht sehen. Und Akilah lernt, nicht hinzusehen. Nicht zurückzusehen. Sich selbst nicht so genau anzusehen. Damit sie weiterleben kann.

III Lied abspielen: Sarah Connor „Wie schön du bist“ (im Netz leicht zu finden)

IV Hagar

Hagar ist allein. Sie sitzt mitten in der Wüste, an einer Wasserstelle. Zusammengekauert sitzt sie da und weiß nicht, wo sie hin soll. Eine Hand ruht auf ihrem Bauch. Auf dem Kind, das sie in sich trägt. Das Kind, um das sie nicht gebeten hat. Das sie für ihren Herrn gebären sollte, damit er und seine Frau, die nicht schwanger werden kann endlich Nachwuchs bekamen. Ihre Idee war das nicht. Nach ihrer Meinung fragte niemand. Eigentlich konnte das nicht gut gehen. Die beiden Frauen gerieten in schlimmen Streit. Ihre Herrin beneidete Hagar. Darum, dass sie schwanger werden konnte. Dass sie mit ihrem Mann erlebte, was ihr selbst nicht vergönnt war. Hagar ist vor ihrem Zorn geflohen. Jetzt sitzt sie hier und weiß nicht weiter. Wie lange sie schon so sitzt, weiß sie nicht. Die Hitze lässt die Landschaft vor ihren Augen verschwimmen. Sie hat nicht bemerkt, dass sich jemand nähert. Doch jetzt steht er vor ihr. Ein Mensch, den sie nicht kennt und der ihr irgendwie unbegreiflich scheint. „Hagar.“ Sagt er und sieht ihr direkt in die Augen. „Hagar, du bist die Dienerin von Sarai, wo kommst du her und wo willst du hin?“ Da ist etwas in seinem Blick, das macht, dass sie ihm ihre Geschichte erzählt. Und er hört ihr zu. Sieht sie an. Und es ist, als ob er in ihr Herz sehen kann. In ihre Seele. Sieht ihre Wut und ihren Schmerz, ihre Angst und ihre Narben. Sieht das Kind in ihrem Bauch. Und sieht, was daraus werden kann, was daraus werden soll. Er sieht sie und sieht viel mehr als das. Sieht, wer sie wirklich ist. Und wie es mit ihr und ihrem Kind weitergehen kann. Und Hagar spürt, dass diese Begegnung eine ganz besondere ist. Dass dieser Mann sie ansieht, sie kennt und versteht. Dass da einer ist, dass da der eine, Gott, ist, der ihr Elend ansieht und es erhört. Und sie steht auf und geht. Bekommt neue Kraft und neuen Mut um durchzustehen, was vor ihr liegt. Und jetzt weiß sie auch seinen Namen, den des Herrn, der da mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht.

V Ein Gott, der mich sieht

Ein Gott, der hinschaut, wo Menschen wegsehen. Der mitleidet, wo das Leid keiner mitansehen kann. Der nahe kommt, wo alle anderen sich wegdrehen. Der ja sagt zu mir und all meinen Farben und all meinen Narben. Der mich anschaut und sagt: Weißt du denn gar nicht, wie schön du bist? Du, so wie du bist. Mit allem was dazu gehört. Ohne „Was wäre wenn“ und „wenn ich nur anders sein könnte“ ohne „wenn das nur alles nicht passiert wäre“ oder „wenn ich nur wäre wie die anderen“. Ein Gott, der sich uns zur Seite stellt. Der verzweifelten Mutter. Dem verletzten kleinen Mädchen, das niemanden versteht. Der ungewollt schwangeren jungen Frau, die keinen Ausweg mehr sieht. Dem arbeitslosen Mann in den fünfzigern, der sich aufgegeben hat.

Hagar nennt ihn beim Namen:

Du bist ein Gott, der mich sieht. Der mehr sieht. Der tiefer sieht, als Menschen jemals sehen könnten. Der zu mir sagt: Lass dich mal anschauen! Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. Da gibt es jemanden, der uns wirklich kennt. Und der die Schönheit erkennt hinter all den Narben und Farben, die auf der Oberfläche liegen.

Und wir? Wir sind gekannte. Erkannte. Und Geliebte. Kein Geheimnis gibt es da, wo jemand uns so sieht, wie Gott es tut. Keinen Schatten. Keine Narbe, die nicht sein darf und keine Freude, die man zurückhalten muss. Hinsehen ohne Vorbehalt. Ohne Wenn und Aber. Gott sieht hin.

VI Hinsehen!

Also lassen sie uns auch hinsehen. Zueinander stehen und füreinander einstehen. Das Potential in einem Menschen sehen. Das, was hinter der Fassade liegt. Besonders Mädchen wie Akilah und ihren Bruder, Menschen wie ihren Vater, die einen langen und schweren Weg hinter sich haben, gibt es bei uns zur Zeit viele. Flüchtlinge, die Zuflucht suchen. Die Hilfe brauchen. Die tiefe Narben mitbringen – äußerlich oder innerlich. Und es ist entsetzlich und beschämend, wenn sie verachtet werden für ihre Hilfsbedürftigkeit. Wenn oberflächlich denkende Menschen vorschnell urteilen. Wenn Hilfe suchende bei uns mit Hass, Neid und Gewalt empfangen werden. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir heute oder morgen auf der Straße Menschen wie Akilahs Vater begegnen. Dann lassen sie uns hinsehen. Nachfragen. Und helfen, wenn wir können. Und die Schönheit des Menschen erkennen hinter all dem, was er auf der Oberfläche mit sich trägt. Und lassen sie uns das tun aus der Kraft dessen, der uns liebt und kennt. Weil er uns ansieht. Tief ins Herz. Amen.